Interview mit Charly Hünber: „Bei uns war es ein bisschen lässiger“

Der deutsche Schauspieler kehrt in der Verfilmung von Dörte Hansens Roman „Mittagsstunde“ in ein nordfriesisches Dorf zurück – und spricht Plattdeutsch

 Publikumsliebling, dein Name ist Charly Hübner. Ihn lieben die Leute. Spätestens seit dem Rostocker „Polizeiruf 110“ ist er aus der deutschsprachigen Film- und Fernsehlandschaft nicht mehr wegzudenken. Zwölf Jahre lang spielte er dort den Kommissar Bukow, doch das ist jetzt vorbei: „Irgendwann entsteht um einen Schauspieler herum so eine Art Aura: Die Aura, dass man diese Figur, dass man Kommissar Bukow ist“, sagt Charly Hübner im KURIER–Gespräch auf die Frage, worum er seine Paraderolle an den Nagel gehängt hat: „Manchmal geh ich bei Rot über die Kreuzung und da standen in Hamburg zwei Typen, die meinten: ,Na, Herr Kommissar, heute wieder bei Rot über die Straße?’ Da denkt man sich schon: Will ich das noch?“

Will man nicht. Charly Hübner beschloss das Wagnis: „Pause machen und das Feld wieder größer spannen, bisschen Panik haben und dann vorwärtsschauen.“

Als man ihm die Rolle des Ingwer Feddersen anbot, Hauptfigur in Dörte Hansens Romanverfilmung „Mittagsstunde“ (derzeit im Kino) „habe ich Blut geleckt und wollte die Rolle spielen“.

Ingwer Feddersen, Professor in Kiel, kehrt in seinen Heimatort, das nordfriesische (fiktive) Dorf Brinkebüll zurück, in den heruntergekommenen Gasthof seiner Altvorderen – und stellt sich dort der familiären Vergangenheit.

Ingwer Feddersen ist kein strahlender Held, er ist überhaupt kein Held, findet Hübner, sondern eher „wie ein Moderator in seiner eigenen Geschichte: Er setzt eine erste große Aktion, indem er ,Vadder’ und ,Mudder’ besucht, und dann lässt er es laufen.“

Auf Plattdeutsch. „Das war erst einmal eine Sprachaufgabe“, meint Hübner fröhlich. „Anke Engelke hat einmal zu mir gesagt: Wenn man versucht, Dialekte logisch zu begreifen, kriegt man sie nie hin. Wenn man sie aber wie einen Song behandelt und wie Lieder nachsingt, die man gut findet, dann kommt man dem Klang nahe.“

Keine DDR-Nostalgie

Tristes Dorfgasthaus im nordriesischen Brinkebüll: Charly Hübner (re.) in "Mittagsstunde"

©Filmladen

Charly Hübner, Jahrgang 1972, wurde noch in der DDR geboren und ist selbst der Sohn von zwei Gastwirten. Die Eltern führten ein kleines Waldhotel mit vielen Gästen, darunter Künstler und Intellektuelle aus Berlin: „Diese Vielfarbigkeit, die so ein Gasthaus mitbringt, ist mir sehr vertraut. Ich selbst bin jemand, der so eine Vielstimmigkeit wie ein Schwamm aufsaugt und nachplappern will“, erinnert sich Hübner an sein Elternhaus. Kein Vergleich mit seiner Filmfigur Feddersen, die von den familiären Verstrickungen geradezu erdrückt wird: „Die Situation bei ihm ist klaustrophobischer als damals bei uns daheim in Mecklenburg im Wald. Bei uns war es ein bisschen lässiger.“

Charly Hübner mit Hildegard Schmahl in "Mittagsstunde"

©Filmladen

Sonderlich nostalgisch wird Hübner allerdings nicht, wenn er an die DDR denkt – ganz im Unterschied etwa zu Kollegen wie Leander Haußmann: „Ich bin eine andere Generation. Ich war 17, als die DDR zu Ende war – das ideale Alter, um aufzubrechen. Davor hatte ich fünf Jahre damit zu tun, meine Musik und eine Freundin zu finden. Und davor war ich Kind. Aber ich habe diese Art von Nostalgie generell nicht in mir drin. Ich freu mich eher auf das, was kommt.“

Charly Hübner war intensiv im Theater zugange, ehe er sich zum Schritt vor die Kamera entschloss: „Ich war vom Theater so müde.“

Auslöser war das Attentat auf das World Trade Center 2001: „Das hat mich so stark beeindruckt, dass ich dachte, ich muss aus diesem dunklen Raum des Theaters hinaus, ich muss jetzt das Leben entdecken. Und dann hab ich Fernsehen gemacht. Für mich war Film immer unerreichbar. Film war für mich immer Amerika und Frankreich … das hatte mit mir, dem Mecklenburger Bauernenkel, nichts zu tun. Aber dann merkte ich, dass Film viel näher an mir dran ist, als ich dachte.“

Mittlerweile hat Charly Hübner, großer Heavy Metal Fan, selbst Regie geführt und die Doku „Wildes Herz“ über die deutsche Punkband „Feine Sahne Fischfilet“ gedreht. Die Schlagermusik, die man in „Mittagsstunde“ zu hören bekommt wie „Liebeskummer lohnt sich nicht, my Darling“ findet er eher gewöhnungsbedürftig: „Ich verstehe, dass man – historisch gesehen – nach den Gräueln des Zweiten Weltkrieges nur positiv nach vorne Richtung Wirtschaftswunder schauen wollte. Aber Schlager sind überhaupt nicht meine Musik.“

Charly Hübner

Theater
Charly Hübner, geboren 1972 in der DDR,  absolvierte die Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin und konzentrierte sich  aufs Theater; er spielte u. a. an der Schaubühne Berlin

 

Film und Fernsehen
Seit 2003 steht Hübner vor der Kamera, u. a. in Florian Henckel von Donnersmarcks  „Das Leben der anderen“, Emily Atefs „3 Tage in Quiberon“ und „Mittagsstunde“. Im Fernsehen spielte er an der Seite von Anke Engelke in „Ladykracher“ und bis 2022 Kommissar Bukow in „Polizeiruf 110“. Er drehte die Doku „Wildes Herz“ über die Punkband „Feine Sahne Fischfilet“

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