Filmkritik zu "Wunderschön“: Mit dem eigenen Körper auf Kriegsfuß

Tragikomödie von Karoline Herfurth über Schönheitswahn, Nicolas Cage in "Pig“, ein tödlicher Justizirrtum im Iran und Horror aus Taiwan

„Wir sind stark. Wir sind schön. Wir sind einfach wir selbst“: Fünf hauchdünne, junge Models rekeln sich in aparter Unterwäsche vor der Kamera, lachen und „haben Spaß“. Sie sind einfach sie selbst – wenn sie nicht gerade hungern, Appetithemmer einwerfen oder sich nach dem Essen übergeben.

Was hier als „Body Positivity“-Slogan – also als Gegenbewegung zu unrealistischen Schönheitsidealen – eingesetzt wird, dient letztlich doch nur als fieser Firmenverkaufsschlager. Julie (Emilia Schüle), eines der gestressten Models, weiß davon ein Lied zu singen. Mit 25 ist sie beinahe schon zu alt für den Laufsteg, und ihr ausgemergelter Körper kann gar nicht dünn genug aussehen.

Aber auch die überforderte Jungmutter Sonja – uneitel gespielt von Karoline Herfurth, der Regisseurin von „Wunderschön“ – steht mit ihrem post-schwangeren Leib auf Kriegsfuß. Jeder Versuch, sich in eine hautenge Jeans zu zwängen, scheitert bereits an den Oberschenkeln. Schreiende Kleinkinder sind auch keine Hilfe. Ebenso wenig ihre beste Freundin Vicky (die lustige Nora Tschirner), die ihr feministische Vorträge über Selbstakzeptanz hält.

Vicky ist zudem Lehrerin und fordert ihre Klasse mit klugen Fragen zum Thema Selbst- und Fremdbild heraus – darunter eine stille Teenagerin, die mit ihrem Übergewicht hadert. Martina Gedeck als Frauke, unsichtbare Ehefrau eines frustrierten Pensionisten, rundet das exzellente Ensemble weiblicher Unzufriedenheit ab.

Nora Tschirner beim Babysitten: "Wunderschön“

©2021 Warner Bros. Entertainment

In flotten Episoden, die durch Familien- und Freundschaftsbeziehungen locker zusammen gehalten werden, erzählt Karoline Herfurth in tragikomisch zugespitzten Vignetten von Frauen in unterschiedlichen Lebensabschnitten. Sie alle befinden sich im Kampf mit ihrem Körper und seinem Aussehen.

Rollenzwang

Wie man es schaffen kann, als modernes Elternpaar nicht in die 50er Jahre und ihre Klischees zurückzufallen, fragt sich Herfurth in ihrer Rolle als Jungmutter Sonja mit großer Ernsthaftigkeit – trotz aller Komödie. Besonders im Bereich der Kinderbetreuung reiben sich die Geister am Zwang der Geschlechterrollen: Während ihr Mann fleißig an seiner Karriere feilt und mit feschen Kolleginnen parliert, hat Sonja zwei Milchpumpen an den Brüsten kleben oder hoppelt mit dem Kinderwagen durch den Park.

Karoline Herfurth erschöpft in "Wunderschön"

©2021 Warner Bros. Entertainment

Weniger originell schon gestalten sich die Szenen in einem Tangokurs: Er soll der gealterten Ehe von Frauke auf die Tanzbeine helfen. In den Armen ihres argentinischen Lehrers wird ihr ganz warm ums Herz, während der steife Ehemann sauer aus dem Saal stürmt.

Herfurth sinkt manchmal recht tief ins Klischee ein, taucht aber dann doch immer wieder mit einer guten Pointe auf. Oder schafft einen wirklich berührenden Moment. Selbst dann, wenn es im Überschwang gefälliger Mainstreamunterhaltung bis zum nächsten Happy-End nie sehr weit ist.

INFO: D 2022. 131 Min. Von und mit Karoline Herfurth. Mit Nora Tschirner, Martina Gedeck.

Martina Gedeck als frustrierte Ehefrau im "Wunderschön"

©2021 Warner Bros. Entertainment

Filmkritik zu "Pig": Suche nach dem verlorenem Trüffelschwein

Der introvertierte Waldarbeiter Rob – gespielt von Nicolas Cage – und sein Schwein Apple  leben   in einer windschiefen Hütte. Mit borstigem Haupt- und Barthaar ähnelt Rob seinem grunzenden Mitbewohner.  Man kann ihn dabei beobachten, wie er Pilze in einer Pfanne kocht und dabei seinem schlauen Schweinchen geradezu verliebte Blicke zuwirft. Vielleicht auch nur deshalb, weil es ein gutes Pfötchen fürs Aufspüren edler Trüffeln hat.

Die Trüffeln werden bei einem Mann namens Amir gegen magere Essensvorräte eingetauscht. Doch Robs friedliche Einsamkeit findet ein plötzliches Ende, als  sein Schwein gestohlen wird. Um es wiederzufinden, ist Rob gezwungen, sich   in die halsabschneiderische Restaurantszene von Portland zu begeben. Weil er weiß, dass Trüffelschweine dort besonders begehrt sind. Nach und nach erfährt man, dass Rob früher selbst ein legendärer Koch war. Auf der Suche nach seinem Schwein trifft er auf ehemalige Mitarbeiter und auf einstige Konkurrenten.

Nicolas Cage und sein borstiger Mitbewohner in „Pig“

©Neon

Es ist leicht erkennbar, warum Cage diesen Film als Co-Produzent und  Hauptdarsteller machen wollte. Rob ist ein vielschichtiger Charakter: Philosoph, Mönch, Buddhist – und bisweilen  auch Clown. Und dazu noch eine Art Christusfigur, die bei Schlägen nicht nur die andere Wange hinhält, sondern oft auch die Faust.

Drehbuch und Regie betrachten die Natur mit den Augen von Menschen, die sich darin wohlfühlen. Umso bedrückender wirken die Bilder vom Leben in der Stadt. Ein eigenartiger, nicht durchwegs schlüssiger Film mit unleugbarer Sogwirkung.

Text: Gabriele Flossmann

INFO: USA/GB 2021. 92. Min. Von Michael Sarnoski. Mit Nicolas Cage, Alex Wolff, Adam Arkin.

Auf der Suche nach seinem verlorenen Trüffelschwein: Nicolas Cage in "Pig“

©Neon

Filmkritik zu "Ballade von der weißen Kuh": Justizirrtum um einen hingerichteten Ehemann

Die Todesstrafe ist ein schmerzliches Thema im iranischen Kino. Nicht umsonst hat das Land eine der höchsten Hinrichtungsraten der Welt. Sollte sich ein Urteil als falsch erweisen, wird an die Hinterbliebenen Blutgeld ausgezahlt – mit vager Ausrede: „Vielleicht hat es Gott so gewollt.“

Mit diesen dürren Worten muss sich Mina abspeisen lassen, deren Ehemann „versehentlich“ hingerichtet wurde. Die Nachricht des Justizirrtums trifft die Witwe und Mutter einer gehörlosen Tochter wie ein Keulenschlag, dem  weitere folgen. So will der Vater ihres  Mannes  die Vormundschaft  für die Tochter einklagen.

Dem unfassbaren Drama rund um den getöteten Ehemann hält das Regieduo Behtash Sanaeeha und Maryam Moghaddam (sie spielt auch die Hauptrolle der Mina) den kühlen Realismus einer strengen Bildsprache entgegen. Eine unbewegliche Kamera unterstreicht die Stagnation von  patriarchalen, religiösen Verhältnissen, die Frauen kaum Spielraum gewähren. Gerade als   alles aussichtslos erscheint, taucht ein mysteriöser Mann auf. Er stellt  sich als Freund des Verstorbenen vor, dem er noch Geld geschuldet hat und überreicht Mina einen fetten Scheck. Trotz seines engelhaften Auftretens bringt er   Spannung ins zarte Beziehungsgeflecht und verwandelt es in einen leise vor sich hinköchelnden Thriller.

Witwe wegen eines Justizirrtums: Maryam Moghaddam als Mina

©Filmladen

Am Anfang und am Ende  taucht das Bild einer weißen Kuh auf. Symbolkräftig verweist sie auf ein Kapitel des Korans, in dem es um Sühnung von Schuld durch das „Aug’ um Aug’“-Prinzip geht. Der Kuh kommt hier die Rolle des unschuldigen Opfers zu. Kein Zufall, dass  sich  ein Glas Milch in einen  Schierlingsbecher der Rachefantasie verwandelt.

INFO: 105 Min. IRN/F 2020. Von Behtash Sanaeeha und Maryam Moghadam. Mit Maryam Moghadam, Alireza Sani Far.

Alireza Sani Far als rettender Engel in "Ballade von der weißen Kuh"

©Filmladen

Filmkritik zu "The Sadness": Virus verwandelt Opfer in Mörder und Sadisten

Nicht alles, was infiziert, heißt Corona. In dem ultrabrutalen Horrorschocker aus Taiwan nennt sich das Virus Alvin und hat  bedenkliche Folgen: Wer sich mit Alvin ansteckt, verwandelt sich in einen sadistischen Triebtäter, vergewaltigt, mordet und nimmt Blutbäder in roter Sirupsuppe.

Für sein Extremfilm-Debut scheute der  kanadische, in Taiwan lebende Regisseur Rob Jabbaz  keine Geschmacksgrenzen, um  – jenseits  digitaler Spezialeffekte – analogen, handgemachten Gore-Grusel zu präsentieren.

Blutrünstige Zombies kauen an abgeschnittenen Fingern, schmelzen sich mit kochendem Öl die Haut von den Wangen und beißen einander die Nasen ab. Dazu spritzt literweise  rote Flüssigkeit und verwandelt einen ganzen U-Bahn-Waggon in ein  Schwimmbad.
All das passiert, weil die Bevölkerung in Taipeh die Warnung der Virologen nicht Ernst genommen hat („Niemand vertraut mehr den Ärzten!“). Einzige Hoffnung: Die baldige Entdeckung eines Impfstoffs. Für sehr, sehr hartgesottene Horror-Fans.

INFO: Taiwan 2021. 99 Min. Von Rob Jabbaz. Mit Regina Lei, Berant Zhu.

Virus verwandelt Menschen in gefährliche Zombies: "The Sadness"

©Polyfilm

Filmkritik zu "In 80 Tagen um die Welt": Frecher Frosch alias Phileas Frog reist mit Äffchen

Jules Vernes Reiseklassiker von 1873 wurde schon des Öfteren verfilmt, aber noch nie mit Fröschen, Shrimps  und Affen. In der französischen Zeichentrickversion  von Samuel Tourneux, die   in groben Zügen  animiert ist und keine sonderlich raffinierten Details aufweist, verwandelt sich  Phileas Fogg einfach in Phileas Frog – einen  frechen Frosch im Hawaiihemd. Ihm zur Seite steht ein schüchterner Affe  mit Riesenbrille, der sich vor nichts so sehr fürchtet wie vor  seiner Mutter. Frosch und Äffchen treten ihre Reise um die Welt an, nachdem sie mit einer Handvoll hässlicher Shrimps eine Wette abgeschlossen haben. Sie durchqueren  Wüsten und Dschungel – und sorgen mit viel Action und flotten Sprüchen für  kindergenehmes Abenteuer.

INFO: F/BEL 2021. 82 Minuten. Von Samuel Tourneux.

Alexandra Seibel

Über Alexandra Seibel

Alexandra Seibel schreibt über Film, wenn sie nicht gerade im Kino sitzt.

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