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Filmkritik zu "Drive My Car": Roadmovie Richtung Selbstbefreiung

Zartfühlende Murakami-Verfilmung von Ryûsuke Hamaguchi, ein Beinahe-Bio-Pic über Céline Dion und Denzel Washington als "Macbeth"

Nicht nur der österreichische Film „Große Freiheit“, auch Ryûsuke Hamaguchis Drama „Drive My Car“ steht auf der Shortlist für die kommende Oscar-Verleihung. Seit seiner Premiere in Cannes mobilisiert Hamaguchis zartfühlende Elegie um einen trauernden Theaterregisseur eine internationale Fangemeinde, die sich für sein knapp dreistündiges, in wunderschön klare und ruhige Bilder gegossenes Liebesjuwel begeistert. Zudem basiert „Drive My Car“ auf einer Kurzgeschichtensammlung von Haruki Murakami, was neben der cinephilen Stammkundschaft auch leidenschaftliche Murakami-Leser und -Leserinnen auf den Plan ruft – darunter womöglich auch Barack Obama. Er führt „Drive My Car“ als Nummer Eins auf seiner Bestenliste des heurigen Filmjahres.

Die Hauptfigur, der Schauspieler und Theaterregisseur Yûsuke Kafuku, sitzt am liebsten hinter dem Steuer seines knallroten Saab 900 Turbo. Während langer Fahrstrecken schiebt er eine Audio-Kassette ein, auf der ihm seine Frau den Text zu Tschechows „Onkel Wanja“ aufgenommen hat.

In ihren Redepausen spricht Kafuku, der die Rolle des Wanja probt, den Text seiner Figur selbst ein.

Zartfühlende Geschichte über Verlust, Trauer und Schuld: "Drive My Car"

©Polyfilm

Nach dramatischen persönlichen Erlebnissen übersiedelt er für ein Theaterprojekt nach Hiroshima, wo er eine Aufführung von „Onkel Wanja“ einstudieren soll. Zu seinem Ärger darf er aus Versicherungsgründen sein Auto nicht selbst lenken, sondern bekommt vom Theater eine junge Chauffeurin zugesprochen. Trotzdem bleibt Kafuku seiner Gewohnheit weiterhin treu und spielt sich „Onkel Wanja“ vor. Langsam beginnt der Text von Tschechow in das Leben aller, die an der Theaterproduktion beteiligt sind, einzusickern.

Zartfühlend verschmilzt Hamaguchi die Trauer um den Verlust geliebter Menschen, das Gefühl von persönlicher Schuld und die Suche nach einer Sprache, die Nähe schafft, zu einem innerlichen Roadmovie mit Zielrichtung Selbstbefreiung.

INFO: Japan 2021. 179 Min. Von Ryûsuke Hamaguchi. Mit Hidetoshi Nishijima, Toko Miura.

Barack Obamas Lieblingsfilm des heurigen Jahres: "Drive My Car"

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Filmkritik zu "Aline - The Voice of Love": Normal hinter der Fassade

Sie heißt nicht Céline Dion, sondern Aline Dieu, trotzdem sind Ähnlichkeiten mit der kanadischen     Pop-Ikone nicht zufällig, sondern gewünscht.
Die Französin Valérie Lemercier legt ihr Beinahe-Bio-Pic von Anfang an mit einem Hauch von (Selbst-)Ironie an.  Das beginnt bereits damit, dass sie, die Regisseurin und Drehbuchautorin,   Aline in allen Lebensstationen selbst spielt – von der talentierten 12-Jährigen, die auf Hochzeiten singt, bis hin  zur  umjubelten Star-Sängerin, die für das Titellied von „Titanic“ den Oscar bekommt und drei Mal  Mutter wird.

Lemerciers Wandlungsfähigkeit führt zu witzigen Momenten, betont aber auch eine gewisse  „Normalität“ hinter der Fassade der Glamour-Frau und ihrer 40-Zimmer-Villa.
Aline kommt  als 14. Kind einer musikbegeisterten Familie in  Québec zur Welt und zeigt von Anfang an enormes Gesangstalent. Allein die Großfamilie bietet  reichlich Komödienstoff. Einer ihrer Brüder vermittelt sie an den Musikproduzenten   Guy-Claude Kamar, der die junge  Frau den Rest seines Lebens begleiten wird. Alines große Leidenschaft für den ältlichen Herrn mit der Halbglatze und dem dünnen Pferdeschwanz findet besonders bei der Mutter wenig Anklang.
Doch Lemercier erzählt die intergenerationelle Beziehung als zärtliche Liebesgeschichte in hellen Bildern.

INFO: F/KAN   2020. Von und mit Valérie Lemercier. Mit Sylvain Marcel, Danielle Fichaud.   

Regisseurin Valérie Lemercier in „Aline – The Voice of Love“

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Filmkritik zu "Macbeth": Mörder des Königs und des Schlafs

Erstmals hat Regisseur Joel Coen einen Film ohne seinen Bruder Ethan gedreht, doch dafür ist ihm seine Ehefrau Frances McDormand als Hauptdarstellerin und Produzentin zu Hilfe geeilt.
In glasklarem, dramatischem Schwarzweiß verfilmte Joel Coen die Shakespeare-Tragödie des schottischen Heerführers Macbeth, der zum Königsmörder wird und sich selbst zum König von Schottland ausruft.

Frances McDormand als Lady Macbeth unterhält ein entschlossen erotisches Verhältnis zur Macht. Anders  ihr  Gatte, den Denzel Washington als machtgierigen, aber zaudernden  Mann mit flackerndem Gewissen spielt. Kaum hat Macbeth seine erste Bluttat vollbracht, kann er schon nicht mehr schlafen und kratzt am Irrsinn.
Joel Coen platziert seine expressionistisch stilstrenge, eindrucksvolle Tragödie um Macht, Lust und Wahn in einen   abstrakt anmutenden, riesigen Königspalast, in dem die  einsamen Akteure lange, unbehauste  Schatten werfen.

INFO: USA 2021. 105 Min. Von Joel Coen. Mit Frances McDormand, Denzel Washington.

Denzel Washington als schottischer Heerführer „Macbeth“, der mit blutigen Händen nach der Krone greift

©A 24
Alexandra Seibel

Über Alexandra Seibel

Alexandra Seibel schreibt über Film, wenn sie nicht gerade im Kino sitzt.

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