Auf nach Tschesolo: Walter (Benjamin) und Irmi am Steuer (Paulus).

Dr. Bohl mit "Anabohlika": Ein verschreibungspflichtiger Abend

Das Wiener Comedy-Duo Dr. Bohl präsentierte im ausverkauften Stadtsaal sein neues Programm. "Anabohlika“ ist Unterhaltung für die TikTok-Generation.

Mit ihren auf Instagram (38.500 Follower),TikTok (70.000 Fans) und YouTube (9.000 Abonnenten) veröffentlichten Videos haben sich Dr. Bohl in nur wenigen Jahren einen Namen in der Online-Welt gemacht. Dr. Bohl, das sind Paulus "Bohl" und sein jüngerer Bruder Benjamin "Benji". Ihre Hauptspezialität: Sketches – und gespielte Straßenbefragungen, in denen hauptsächlich mit Stereotypen gearbeitet wird. Dazu haben sie immer wiederkehrende Figuren entwickelt. Es gibt den WU-Studenten, der am Wochenende gerne im Volksgarten bei einer Flasche Wodka die aktuellen Bitcoin-Kurse feiert. Die esoterisch angehauchte und chronisch eingerauchte Boku-Studentin aus Wien Neubau, den nerdigen TU-Studenten, den herrlich unsympathischen Jus-Studenten und die wunderbar überdrehte Seniorin Irmi. In diese Rollen schlüpft dann Paulus. Die Fragen stellt Benjamin. Das Mikro ist ein Pfannenwender, auf dem ein Ansteckmikro angebracht ist. Das wurde zum Running Gag in den Videos. Diese sind dann auch Teil ihres zweiten Programms „Anabohlika“, das am Montag im ausverkauften Wiener Stadtsaal Premiere feierte.

Nach einem etwas zu ausführlich ausfallenden Intro findet man sich im ersten Sketch des Abends wieder: Ein Adeliger, ein Freiherr von und zu (gespielt von Benjamin) trifft im Warteraum eines Urologen auf einen Proleten (gespielt von Paulus), der Notstandshilfe bezieht, ein Austria Wien-Peckerl am Unterarm (erster Applaus!) und einen Frisurenirrtum auf dem Kopf trägt, der zwischen Andi Ogris und Toni Polster in den 80er-Jahren angesiedelt ist. Bevor beide zur Prostatauntersuchung aufgerufen werden, unterhalten sie sich noch ein wenig. Über Frauen, über Schüttbilder von Hermann Nitsch, die aussehen, wie wenn ein 9-Jähriger Nasenbluten gehabt hätte, ihr Lieblingsgericht (Bezirksgericht) und Lieblingstschopperl (also Lieblingsessen) und die beste Einstellung des „Proletentoasters“ (Solarium). So viel sei verraten: Die „Stefan-Petzner-Einstellung“ ist es nicht. Dass dieser (etwas zu lange, etwas zu brave) Sketch funktioniert, liegt an der Spielfreude der beiden Brüder, an der Wurschtigkeit, mit der sie auf der Bühne zur Sache gehen.

Danach folgt die erste Umzugspause (Dr. Bohl schlüpfen in unterschiedliche ausgeflippte Kostüme). Die Zeit wird mit den aus dem Internet bekannten Videos überbrückt, die via Beamer auf die Leinwand projiziert werden. Nach der Einspielung hat der bereits eingangs erwähnte TU-Student Martin Lang seinen Auftritt. Er sucht einen WG-Kollegen. Dieser Sketch fällt dann trashiger aus, was am deutschen „Numerus-clausus-Flüchtling" liegt, der im Drachenkostüm zur Wohnungsbesichtigung kommt. Die dabei abfallenden Witze erinnern an den Output der Kabarettgruppe Projekt X – es sind überspitze wie absurde Charakter- und Sozialstudien, kombiniert mit Anarcho-Humor. Letzterer kommt auch nicht von irgendwo, denn die beiden Twentysomethings sind die Söhne von Herbert Knötzl, der lange Jahre mit Clemens Haipl und Gerald Votava (als Projekt X) die "FM4"-Hörer und -Hörerinnen bespaßte. Wer mit diesem Schmähverständnis etwas anfangen kann, wird auch mit Dr. Bohl einen guten Abend haben.

 

©Mila Zytka

Auf nach Tschesolo

Nach der Pause gibt es einen Sketch mit einem hormongeplagten und aufgezuckerten Latino-Lover namens José Ramon Maria Alberto Ángel Gutiez de la Bailandor als Tanzlehrer, der dann ein paar Moves (namens "Gudenus", "Pizza" oder "Rasenmäher") aus der butterweichen "Hufte" schießt, mit denen man dann beim nächsten Ausflug auf die Tanzfläche durchaus punkten (oder zumindest auffallen) kann.

Im letzten Sketch des Abends geht’s dann mit Irmi (der Seniorin) und ihrem Mann Walter im Auto nach Tschesolo (Jesolo). Bei all diesen zwar gut gespielten, aber auch etwas seichten Klischeestudien fallen dann immer wieder subtile Schmunzler, faschingshafte Schenkelklopfer und wunderbar komisch-absurde Momente ab. Dafür gibt es am Ende viel Applaus. Die Generation TikTok ist anscheinend einfach zu unterhalten.

Die nächsten Auftritte: 21. bis 23. Jänner im Kabarett Niedermair (jeweils 19.30). Weitere Termine unter drbohl.at/termine

Marco Weise

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