Der gute Mensch von Simmering

Der Seelenfänger und Tröster Kurt Ostbahn tritt am 22. August noch einmal auf der Kaiserwiese auf. Sein allerletztes Konzert.

Es ist die Frage: Wird er „D’Ehre!“ sagen oder „Grüssie!“, wenn er am 22. August zum ersten von zwei Konzerten die Bühne auf der Kaiserwiese im Wiener Prater betritt? Man könnte mich jetzt schlagen, aber ich weiß nicht mehr, wie es vor drei Jahren war. Da war der Ostbahn-Kurti schon einmal seiner Pension im Schrebergarten überdrüssig geworden und hatte zwei solche Konzerte gespielt. Ich war mit meiner Liebsten am zweiten anwesend. Am Vortag war ein Pfundsgewitter über dem Gig im Prater niedergegangen, der Kurt hatte, selbstverständlich, alles gegeben in Wind, Wetter und Schusterbubenguss. Er war also jetzt heiser, der Kurt, so viel kann ich sagen, aber ob „D’Ehre!“ oder „Grüssie!“ – bitte fragen sie einen anderen der Zwölftausend von damals. Was ich hingegen noch weiß, ist, wie unglaublich heterogen die große Menschenmenge war. Da waren Erwachsene in meinem Alter und Kinder im Alter meiner Kinder gekommen.

Da standen und sangen mit: Hipsterfrauen, die ich aus dem Rhiz am Gürtel oder aus dem Phil zu kennen glaubte, neben platinierten und orange-gebräunten Damen von ganz woanders. Da wiegten sich Goldketterlträger aus der Wiener Suburbanität und sanfte Ungetüme von Menschen aus den Bundesländern, die zirkuszeltgroße Leiberln mit längst vergangenen Chefpartie-Tourneelisten am Leibe trugen. Da waren stilbewusste Gscheitler aus der Innenstadt, deren ironische Distanz beim Legendenschauen genau so lange hielt, bis Weltgitarrist Karl Ritter in seiner Chefpartie-Inkarnation als Leopold „Prinz“ Karasek die ersten Riffs von der „Neichn Schoin“ aus seiner Telecaster hackte.

Dann überkam es sie, die Gscheitler wie auch alle anderen, die Rührung, das Gefühl dafür, woraus man eigentlich besteht, und noch etwas, etwas heute ganz Seltenes: eine Wohin-Gehörigkeit bei zunehmendem Klaffen der Welt. Was nicht mehr alle Menschen wissen: Es war ein Mitarbeiter bei einem heute so nicht mehr existenten Radiosender namens Ö3, der Musicbox-Mann Günter Brödl, der Mitte der Siebziger Jahre im On-Air-Dialog mit seinem Kollegen Wolfgang Kos die Frage, wie die Band Southside Johnny & The Asbury Jukes wohl in Wien heißen würde mit „Ostbahn-Kurti und die Chefpartie!“ beantwortete. Die eigene Erfindung ließ Brödl nicht mehr los. Er erweckte den Kurti in Prosatexten und Theaterstücken zu Kunstleben. Für das richtige Leben fand er erst zehn Jahre später im Sänger der Politfolkband Schmetterlinge den richtigen Partner. Willi Resetarits teilte mit Brödl zwei Leidenschaften: eine für jenes musikalische Stilgemisch, das damals noch nicht unter dem Sammelbegriff Americana bekannt war, und eine weitere für den Wiener Schmäh. Gemeinsam stießen sie den Ostbahn-Kurti in die raue Wirklichkeit. Sie sammelten ihm eine Band zusammen, mit Identitäten, so schillernd und fiktiv wie seine eigene. Brödl übersetzte Hadern von Bruce Springsteen bis ZZ Top. Man buchte erste Gigs in Wirts- und Schutzhäusern: Und Sonderbares geschah. Der Kurti fing an, Seelen zu sammeln. Man darf nicht vergessen: Da draußen, das waren die Achtziger, Reagan in den USA, Thatcher in England, abkühlender Nadelstreifsozialismus im eigenen Land. Dem setzte der Kurt ein urösterreichisches, ausgestorben geglaubtes Rebellentum entgegen, das Role Model des guten Menschen von Simmering. Ein Wiedergänger des Lieben Augustin, dessen gutem Herzen das Anstreifen an der Pestilenz der Stadt nichts anhaben kann, ein Volksheld in der Verweigerung, ein Nachfahre der Schlurfs, der Halbstarken, der leiwanden Pülcher. Diejenigen, die in hartherzigen Zeiten solcher Identifikation bedurften, waren Hunderttausende. Als Beigabe zum Lebensleithammel hinter der Ray Ban gab es den mutmaßlich bestgespielten Rock’n’Roll, den dieses Land jemals hervorbrachte.

Der überdimensionale Erfolg des Ostbahnkurti erstaunte trotzdem alle. Schutzhäuser wandelten sich zu Sälen, Säle zu Hallen, Hallen zu Fußballplätzen. Die Platten des Kurt vergoldete man. Ab Mitte der Neunziger Jahre erfolgte eine leichte Modifikation Richtung Hochkultur, aus dem Ostbahn-Kurti wurde Kurt Ostbahn, dann sogar Dr. Kurt Ostbahn. Die Chefpartie machte der Combo Platz, die Songs wurden nachdenklicher. Aber der Kern der mittlerweile geradezu staatstragenden Figur blieb derselbe. Günter Brödl starb 2000, nur 45-jährig, und Willi Resetarits, der, wie er heute sagt, mit dem Kurt seinen Rock’n’Roll-Traum gelebt hatte, machte sich daran, das gemeinsame Projekt ohne Eile und in größtmöglicher Würde zu beenden. Die Figur des Kurti war geschaffen und vollendet: ein jetzt unsterbliches Nationalheiligtum. Und Willi Resetarits schälte sich aus dem Alias wieder heraus, als das, was er heute mehr als je zuvor ist: Der seelenvollste und souveränste Folk-, Rock-, Donaubluessänger, den wir haben. Aber mit welchen Worten hat er uns nur begrüßt, vor drei Jahren? Jessica, da bin ich mir sicher, wird es wissen. Jessica lernte ich vor 26 Jahren kennen, als ich mich nach dem Chefpartie-Konzert im Simmeringer Schutzhaus zum Haideröslein um eine Signatur auf meiner Platte anstellte. Jessica stellte sich vor mir an. Sie war sechs, und wollte sich einen Pappteller signieren lassen. Der Kurt schrieb: „Für Jessica. Sei brav. Dein Ostbahn-Kurti“. Jessica muss jetzt Anfang dreißig sein. Aus irgendeinem Grund bin ich überzeugt, dass sie vor drei Jahren da war. Und heuer wiederkommen wird.

Ernst Molden

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Kolumne "WienMITTE"

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