Wir schauten Sharon Stone unter den Rock: Das Publikum als Voyeur

Vor 30 Jahren kam „Basic Instinct“ in unsere Kinos. Guter Anlass für einen Blick auf die sexuell aufgeheiztesten Film-Momente der vergangenen Jahrzehnte.

Eine Blondine im kahlen Verhörraum der Polizei. Weißes Kleid, Haare cool zurückgekämmt, Beine elegant übereinandergeschlagen. Alles an ihr sagt „Klasse“. Mit unerschütterlichem Selbstbewusstsein sieht sie die schwitzenden Polizisten an, beantwortet ihre Fragen mit provokanten Gegenfragen. Dann wechselt sie die Stellung ihrer gekreuzten Beine. Von links über rechts auf rechts über links. Ganz langsam. Und der dicke Bulle, der nicht einmal mehr zu verbergen versucht, wie gierig er ihr unter den Rock sieht,  bekommt beinahe einen Herzinfarkt...

Wer „Basic Instinct“ gesehen hat, hat diese Szene im Kopf – und wer „Basic Instinct“ nicht gesehen hat, wahrscheinlich auch. Dabei bot der Thriller mit Michael Douglas und Sharon Stone noch etliche andere, wesentlich explizitere, Szenen, dampfenden, grunzenden Sex, hart, immer auch als Machtspiel, Regisseur Paul Verhoeven weiß, wie's gemacht wird.

Umso erstaunlicher, dass es ausgerechnet dieser Bruchteil einer Sekunde war, in der man Miss Stone unter den Rock zu schauen glaubte, der zum großen, geilen Aufreger wurde. „Sieht man wirklich was? Alles?! In echt??!!“

Am 8. Mai 1992 feierte „Basic Instinct“ in England und Frankreich Europapremiere, erst Ende Mai kam er schließlich auch in Deutschland und Österreich in die Kinos. Knapp 6 Millionen Zuschauer nur in diesen beiden Ländern, ein weltweites Einspielergebnis von mehr als 360 Millionen Dollar. „Der schweinischste Film aller Zeiten“, schrieb damals die deutsche BILD-Zeitung. „Danke“, sagten Verhoeven und die Produzenten, mehr Gratis-Werbung kann einem Film eigentlich gar nicht passieren.

Täterin oder Opfer?

Sharon Stone beschwerte sich später über diese Szene. Sie sei von Verhoeven ausgetrickst worden, schrieb sie in ihren im vergangenen Jahr erschienenen Memoiren „The Beauty of Living Twice“. Der 83-jährige Paul Verhoeven, mit dem Stone noch immer in freundschaftlichem Kontakt verbunden ist, widerspricht dieser Sichtweise. Natürlich habe sie davon gewusst, sie hat ihren Slip ja auch freiwillig ausgezogen, was  keinen Sinn machen würde, wenn das visuell keinen Unterschied ergäbe ...

Hier steht also Aussage gegen Aussage, wir wollen an dieser Stelle kein Urteil fällen. Stärker wirkt die Szene jedenfalls, wenn wir an eine Frau glauben können, die sehr genau weiß, was sie tut, und nicht selbst Opfer von billigen Manipulationen wurde.

Tatsache ist außerdem, dass man für den Bruchteil einer Sekunde – praktisch eh nichts sieht, sosehr man mit der Nase auch am Bildschirm klebt. Angeblich ist es ja DIE Szene, die am häufigsten von allen in Zeitlupe und Standbild, Frame für Frame angeschaut wurde. Tatsache ist also auch, dass es wohl unsere Fantasie ist, die, mächtiger als jede Realität es je sein kann, genau diese Szene unsterblich gemacht hat. Weil wir hier etwas "Unerhörtes" vermuten ...

Und genau von diesen Szenen lebt das Kino seit seinen frühesten Anfängen. Verbotene Küsse, nackte Haut und unmögliche, „verdorbene“ Beziehungen lassen Zuschauer seit 126 Jahren wohlig erschauern. Und genussvoll fantasieren.

Es begann mit einem Kuss

Erfinder Thomas Edison schockte 1896 die Welt mit einem knapp 50 Sekunden langen Film. Sein Titel: „Der Kuss“. Darin sieht man  May Irwin und John C. Rice, zwei pensionsreife Broadwaystars, die sich gut 20 Sekunden unterhalten. Und sich dann gut 20 Sekunden küssen. Dieser erste Kuss der Filmgeschichte wurde zur Sensation – auch wenn Zeitungen vehement das Einschreiten der Polizei forderten. Vielleicht ja auch gerade deshalb.

Mit Hedy Lamarr, damals noch Hedwig Maria Kiesler, war gut 30 Jahre später auch eine Österreicherin in einen handfesten Erotik-Skandal verwickelt: „Ekstase“, der Film des tschechisch-österreichischen Regisseurs Gustav Machatý, zeigte sie 1933 nackt – und sorgte weltweit für Aufsehen. 20 Jahre später reichten im verbiedermeierten Wirtschaftswunderdeutschland Hildegard Knefs nackte Brüste für einen Aufschrei der Empörung.

Wobei es vor allem die gewagten Themen wie wilde Ehe, Prostitution, Vergewaltigung und Sterbehilfe waren, die zu einem massiven Protest der katholischen und evangelischen Kirchen sorgten.  Fest im kollektiven Gedächtnis verankert blieben allerdings nicht die – sondern Hildegard Knefs Busen. So ist das eben.

Programmierte Skandale

Eine junge Ehefrau hat zu viel Tagesfreizeit und träumt von starken Männern wie aus einschlägigen Liebesroman-Hefteln. Also die Kategorie Kerle, die kein „Nein“ akzeptiert, in deren starken Armen dann auch die anständigste Frau nicht anders kann, als „sich hinzugeben“.  Als „Belle de Jour“ beginnt sie schließlich in einem Bordell zu arbeiten, lässt sich im Rahmen von BDSM-Spielen fesseln und erniedrigen.

Der Film machte Catherine Deneuve 1976 zum Superstar und gilt als einer der erfolgreichsten von Regisseur Luis Buñuel. Nacktheit per se war zu der Zeit  kein kontroversielles Thema mehr – aber wieso eine Frau, die alles hat, SO etwas mit sich machen lässt, diese Frage sorgte für erhitzte Wangen und Gespräche hinter vorgehaltener Hand.

Und genau dieses Thema ist es, das seither für quasi vorprogrammierte Skandale sorgt. Die junge Maria Schneider mit dem bereits gehörig aus dem Leim gegangenen Marlon Brando in „Der letzte Tango in Paris“ (1972) etwa, bei dem bald auch Gerüchte dazukamen, Regisseur Bertolucci und Brando hätten die junge Schauspielerin tatsächlich zu gewissen Handlungen gezwungen.

Oder, absolut unerreicht, David Lynchs „Pärchen“: Wenn Isabella Rossellini sich nicht vom gewalttätigen und absolut durchgeknallten Frank Booth lossagen kann (Blue Velvet, 1988) oder eine engelslockige Laura Dern dem fiesesten Fiesling von allen, gespielt von Willem Dafoe, ein hypnotisiertes „fick mich“ ins Ohr haucht („Wild at Heart“, 1990).

Dafoe ist in dieser Hinsicht durchaus ein Mann fürs Grobe, wie er auch in den skandalträchtigen Lars-von-Trier-Filmen „Antichrist“ (2009) und „Nymphomaniac“ (2013) unter Beweis stellte.

Warum es so oft diese fragwürdigen Themen sind, die uns fesseln – oder wir praktisch nicht anders können, als einer Frau auf der Polizeistation unter den Rock zu schauen, wenn wir die Gelegenheit dazu haben? Ganz einfach: Weil wir Voyeure sind. 

Andreas Bovelino

Über Andreas Bovelino

Redakteur bei KURIER freizeit. Ex-Musiker, spielte in der Steinzeit des Radios das erste Unplugged-Set im FM4-Studio. Der Szene noch immer sehr verbunden. Versucht musikalisches Schubladendenken zu vermeiden, ist an Klassik ebenso interessiert wie an Dance, Hip-Hop, Rock oder Pop. Sonst: Texte aller Art, von philosophischen Farbbetrachtungen bis zu Sozialreportagen aus dem Vorstadt-Beisl. Hat nun, ach! Philosophie, Juristerei und Theaterwissenschaft und leider auch Anglistik durchaus studiert. Dazu noch Vorgeschichte und Hethitologie, ist also auch immer auf der Suche einer archäologischen Sensation. Unter anderem.

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