Filmkritik zu "À la Carte! – Freiheit geht durch den Magen“

Ein Meisterkoch rächt sich an seinem adeligen Herrn, Trine Dyrholm als Königin Margrete und ein schwules Paar in der Beziehungskrise.

Natürlich gab es viele Ursachen, die zur Französischen Revolution führten. Glaubt man aber Regisseur Éric Besnard und seinem perlenden Historiendrama, dann fand bereits vor dem berühmten Sturm auf die Bastille der Klassenkampf in der Küche statt.

Im ausgehenden 18. Jahrhundert bedeutete Essen für das einfache Volk lediglich Nahrungsaufnahme, für den Adel jedoch Prahlerei und Leistungsschau der Privilegien. Je exotischer die servierten Speisen und je ausgefallener die verwendeten Gewürze, desto größer das Ansehen des illustren Gastgebers.

Auch Herzog de Chamfort hält sich für einen großen Gourmet. Affektiert verwöhnt er seine leicht verblödeten, adeligen Gäste mit den Künsten seines talentierten Chefkochs Pierre Manceron.

Wenn Manceron malerische Köstlichkeiten serviert, herrscht am adeligen Festbankett höchste Gaumenfreude. Blumige Beschreibungen der dargebrachten Preziosen quellen aus schwärmerischen Mündern. Mancerons Brioches seien „frech und vornehm“, so das allgemeine Lob, seine Speisen kein „Essen, sondern Ballett“.

Nur die neueste Kreation des begabten Küchenmanns sät Zwietracht. Manceron hatte erfinderisch Erdäpfelscheiben mit Trüffel kombiniert und zu zierlichen Pastetchen gebacken. Die ungewöhnliche Geschmacksvariante irritiert den kirchlichen Gast in der Runde.

Tüchtige Geschäftspartner: Isabelle Carré und Grégory Gadebois

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Was der Pfarrer nicht kennt, frisst er nicht: „Wir sind doch keine Deutschen“, empört er sich: „Trüffel und Kartoffel sind für Schweine.“ Außerdem, weiß eine gescheite Dame, „können Kartoffel Lepra übertragen“. Derartig gedemütigt, fällt der Meisterkoch in Ungnade. Er muss das Schloss des Herzogs verlassen und startet im Wald eine kleine Poststation, wo er auch Mahlzeiten serviert.

Kino und Kulinarik

Kino und Kulinarik führen seit jeher eine innige Beziehung. Schon im Stummfilm tauchten Laurel und Hardy ihre Mondgesichter in fette Cremetorten. Das asiatische Kino liebt festliche Gelage, und der französische Film weiß, was „Brust oder Keule“ ist: Selbst eine Ratte kann „Ratatouille“ kochen.

Regisseur Besnard („Birnenkuchen mit Lavendel“) verbindet die Liebe zur Kochkunst und ihre visuellen Schönheiten mit politischen Umbrüchen im vorrevolutionären Frankreich. In Mancerons Küche werden Speisen nicht nur zubereitet, sondern auch mit einem Schuss Demokratisierung versetzt.

Zum einen beginnt der Koch, auf lokale Zutaten zu setzen, die er saisonal im Wald findet. Weg mit dem lästigen Zimt!

Ein Meisterkoch befehligt die Großküche eines Adeligen

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Zum anderen entwickelt er ein Geschäftsmodell, wonach alle – egal ob Bürger, Bauer oder Edelmann – gemeinsam in einem Raum ihre Portionen serviert bekommen und je nach Größe der Mahlzeiten bezahlen.

Das raffinierte Geschäftsmodell verdankt Manceron einer Unbekannten namens Louise, die plötzlich vor seiner Tür steht und von ihm zur Köchin ausgebildet werden möchte. Sie ist eine Frau mit Vergangenheit – doch anders, als sich das ihr Boss so vorstellt.

Grégory Gadebois als pausbäckiger Bäcker und Isabelle Carré als seine geheimnisvolle Gehilfin entwickeln genügend dramatische Spannkraft, um eine vorhersehbar-versöhnliche Geschichte mit erzählerischer Energie aufzuladen. Lichte Bilder, inspiriert von ländlicher Landschaft im Saisonwechsel, und farbenfroh gekochte Köstlichkeiten ergeben ein leicht verdauliches Zwischenmenü für den erschöpften Feiertagsmagen.

INFO: F/BEL 2021. 112 Min. Von Éric Besnard. Mit Grégory Gadebois, Isabelle Carré.

Rückbesinnung auf lokale Küche und saisonales Gemüse

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Filmkritik zu "Die Königin des Nordens": Machtbewusst im Mittelalter

Eine Mutter, die ihren eigenen Sohn nicht erkennt? Das kann nicht sein – es sei denn, er ist gar nicht ihr Sohn.

Im Jahr 1402 herrscht erstmals Friede unter den skandinavischen Völkern. Unter der  Vorherrschaft der ungekrönten  Königin Margrete, einer der bedeutendsten Machthaberinnen des Mittelalters, haben sich Norwegen, Schweden und Dänemark zu einer Union zusammengefunden, die dem nordischen Raum großen  Wohlstand beschert. Allerdings droht der Einfall deutscher Truppen. Margrete plant deswegen eine wichtige  Verbindung mit dem englischen Königsthron: Ihr Stiefsohn Erik soll die erst achtjährige   Prinzessin Philippa heiraten, um durch dieses Bündnis potenzielle Feinde abzuschrecken.

Inmitten der  Hochzeitsverhandlungen bricht ein unerwarteter Konflikt auf. Ein  verwahrloster Mann taucht auf und behauptet, Margretes lang für tot erklärter Sohn Oluf zu sein. Wenn seine Behauptung stimmte, wäre er rechtmäßiger Thronfolger und würde die  angestrebte Verbindung mit England in Gefahr bringen.

Die Kopenhagener Regisseurin Charlotte Sieling,  die vor allem im Serienbereich mit „Kommissarin Lund“ oder „Borgen“  reüssierte und   Episoden für „Homeland“   und „The Americans“ drehte, kann auch großes Kino.

Politintrige

„Die Königin des Nordens“ wurde mit einem für skandinavische Verhältnisse enorm hohen Budget ausgestattet und sieht  in seiner detailbewussten Ausstattungspracht  beeindruckend kostbar aus. Zudem inszeniert Sieling  atmosphärisch düster die raue skandinavische   Küste als  kalte  Landschaft von blaugrauer  Schönheit. Die Innenräume in den Schlossgemächern  hingegen leuchten kerzenwarm, werden aber durch Politintrigen aus ihrer Heimeligkeit gerissen.

Trine Dyrholm als eine der mächtigsten Frauen des Mittelalters

©Einhorn Film

Der leuchtende Stern im Mittelalterepos aber ist Trine Dyrholm, eine der vielseitigsten Darstellerinnen Europas. Sie spielt  Margrete, eine der großen Frauen der Weltgeschichte, als kluge  Strategin  zwischen Machtbewusstsein und Mutterschmerz.

INFO: DK/SWE/NOR 2021. 120 Min. Von Charlotte Sieling. Mit Trine Dyrholm.

Palastintrigen: "Die Königin des Nordens"

©Einhorn Film

Filmkritik zu "La Dea Fortuna - Göttin des Glücks“: Langzeitpaar in der Krise

Baumelnde Skelette und Totenköpfe zieren die Wände eines alten Schlosses, dessen Innereien sich kaum für ein Kinderzimmer eignen. Und schon hört man die lang gezogenen Schreie eines kleinen Mädchens, das im Kasten eingesperrt ist und gegen die Türe trommelt.
Nach diesem albtraumartigen Einstieg geht es lustig weiter: Auf der Hochzeit eines schwulen Pärchens in Rom  tummeln sich witzige Gäste und grüßen gut gelaunt in die Kamera. Darunter befinden sich Sandro und Arturo, ein Langzeitpaar in der Beziehungskrise. Die beiden sind seit 15 Jahren zusammen und kennen Sex und Leidenschaft nur noch aus der Ferne – oder mit anderen Partnern.

Die Lage spitzt sich zu, als eine Jugendfreundin bei ihnen auftaucht und ihre beiden Kinder in der Wohnung parkt. Sie selbst muss sich ins Spital einchecken, um ihre starken Kopfschmerzen abklären zu lassen.

Sandro und Arturo sind hin- und her gerissen. Einerseits wollen sie ihrer Freundin helfen und die Kinder betreuen. Gleichzeitig eskaliert die Beziehungskrise und macht das patchwork-familiäre Zusammenleben noch stressiger.
Der Erzählton von Regisseur Ferzan Ozpeteks heller Dramedy  schwankt zwischen tragikomisch und realistisch-bitter: Eine queere Gruppe von Nachbarn, die immer wieder kurz bei Sandro und Arturo vorbei schauen, verleiht dem Drama einen Hauch von Sitcom, ehe wieder Beziehungsprobleme und Krankenhausalltag die Stimmung verdüstern.

Stefano Accorsi (li.) und Edoardo Leo als Paar in der Krise

©Polyfilm

Auch wenn Ozpeteks Erzählung  im Kern nicht immer zusammenhält, machen  die beflügelten Schauspieler – Edoardo Leo als fescher Installateur Sandro und Stefano Accorsi als frustrierter Übersetzer –   ihre Malaise  immer sehenswert. Schließlich landen sie im bösen Märchen im unheimlichen Schloss – und lernen ihren modernen Alltag wieder neu lieben.

 
INFO: I 2019. 114 Min. Von Ferzan Ozpetek. Mit Edoardo Leo, Stefano Accorsi.

 

Ungewollte Patchwork-Familie: "La Dea Fortuna - Göttin des Glücks"

©Polyfilm
Alexandra Seibel

Über Alexandra Seibel

Alexandra Seibel schreibt über Film, wenn sie nicht gerade im Kino sitzt.

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