Sinnlich und sensibel: Die Erotik der Füße

Gabriele Kuhn
Kolumne

von Gabriele Kuhn

Füße sind empfindsam, aber unterschätzt. Dabei können sie beim Sex eine faszinierende Rolle spielen.

Weg sind sie. In dicken Socken, fetten Stiefeln, mit Fell gefütterten Tretern versteckt. Baba, Füße – ihr lebt jetzt wieder im Verborgenen. Was sehr schade ist. Man muss kein Fußfetischist sein, um das Sinnliche an Füßen zu erkennen. Obwohl sie harte Arbeit leisten, also in einem durchschnittlichen Menschenleben an die 130.000 km und ungefähr 200 Millionen Schritte gehen müssen, um dabei cirka 2.520 Tonnen Druck und Gewicht auszuhalten. Wow. Aber die da unten haben auch eine zutiefst erotisch-sinnliche Komponente, wie Beatrice Drach-Schauer, Autorin des neuen feinen Ratgebers „Kleine Fußschule“ (Verlag mankau), verrät. Aus gutem Grund: „In unseren Füßen befinden sich mehr Sinneszellen als in unserem Gesicht. 1.700 Nervenenden sorgen dafür, dass unsere Füße enorm feinfühlig sind“, schreibt sie. Was viele leider vergessen – die Erotik der Füße ist meist nur dann ein Thema, wenn sie in High Heels stecken. Beim Sex hingegen ist es so, dass viele Menschen im mittleren Süden aufhören, wenn’s um die Lust geht. Hat man sich einmal von oben zu den Genitalien leckend, beißend, knabbernd, küssend durchgearbeitet, wähnen wir uns auch schon am Ziel unserer Träume: der Vagina, dem Penis. Eh schön, wenn die zwei zusammenfinden, aber was ist mit weiter unten? Die Zehen, die Sohlen, die Fersen wollen endlich auch einmal mitmischen, nicht immer nur Komparsen sein.

Fetisch Fuß

Die Stimulation von Füßen gehört immer wieder einmal ins Vorspiel eingebaut, und zwar nicht nur, indem der eine beim anderen verträumt an der Großzehe herumlutscht, wie an einem Schnuller. Wobei zu erwähnen wäre, dass der„Fetisch Fuß“ auch zu grausamen Auswüchsen führte, Stichwort „chinesische Fußmarter“ (dabei wurden die Füße junger Frauen so stark bandagiert, dass sie klein blieben, das wurde erst im 20. Jahrhundert verboten), über die der bekannte Verhaltensforscher Desmond Morris in seinem Buch „Die nackte Eva“ Folgendes schrieb: „Der Goldene Lotus – so nannten die männlichen Bewunderer den winzig kleinen Fuß – hatte auf seltsame Weise eine erotische Bedeutung. Es heißt, dass die Liebhaber der Mädchen während des Vorspiels nicht nur küssten, sondern den ganzen Fuß in den Mund nahmen und begierig an ihm lutschten … Wenn sie dann beide Füße aneinanderlegten, bildeten diese aufgrund ihrer Deformation eine Pseudo-Öffnung, die als eine Art Vagina benutzt werden konnte.“

Umso wichtiger scheint die liebevoll-sinnliche Zuwendung als positiv-erotische Kunst, was Morris mit folgender Frage unterstreicht: „Weshalb bemerkte kein geringerer Experte als Casanova, dass Männer mit starkem sexuellem Verlangen sich vom weiblichen Fuß merklich angezogen fühlen?“ Aus seiner Sicht wäre ein sauberer Fuß ein wohlriechendes Objekt, ein enger Kontakt mit ihm könne sowohl für die Frau als auch für ihren hingebungsvollen Liebhaber aufregend sein.“ Den Zeh einer Frau im Mund zu haben, gäbe laut Morris Männern das Gefühl, die Lippen um eine riesige Brustwarze, einer überdimensionale Klitoris oder gar eine weibliche Zunge zu schließen. Ein wunderbarer Satz von Pablo Neruda geht so: „Aber ich liebe deine Füße nur, weil sie auf der Erde und im Wind und auf dem Wasser wandelten; bis sie mich gefunden haben.“

 

Füße sind dankbar für jede Berührung, zart, hart, zuwendend. Wie „sexuell“ sie sind, zeigt sich während des Orgasmus: Dabei können sich die Zehen spreizen und zusammenkrampfen, als würden die Füße alle Anstrengungen unternehmen, um an den ekstatischen Reaktionen des Körpers teilzunehmen. Also: Raus aus den Socken!

 

Das Fußgebet

Dieses Ritual mögen Füße – egal, ob’s ein anderer tut oder man sich selbst  liebkost. Beim „Fußgebet“, das Beatrice Drach-Schauer in ihrem neuen Buch empfiehlt, cremt man die Füße gut ein, verschränkt Finger und Zehen (wie bei einem Gebet) miteinander und massiert nun sanft, spreizend, um mehr Raum zwischen den Zehen zu schaffen. Das entspannt ungemein  – in jeder Lebenslage.

Gabriele Kuhn

Über Gabriele Kuhn

Seit 1995 an Bord des KURIER - erst 14 aufregende Jahre lang als Ressorleiter-Stv. im Freizeit-Magazin, dann als Leiterin des Ressorts Lebensart. Seit 2017 Autorin. Kolumnistin. Interessens- und Know-How-Schwerpunkte: Medizin, Lifestyle, Gesundheit. Und Erotik. Die ironische Kolumne "Sex in der Freizeit" gibt es seit 2002. Damit's nicht fad wird, schreibe ich seit Anfang 2012 die Paar-Kolumne "Paaradox" gemeinsam mit Ehemann und Journalist Michael Hufnagl. 2014 wurde Paaradox zum Lesekabarett - mit Auftritten im Rabenhof und auf vielen Bühnen Ostösterreichs.

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