Die große Sehnsucht nach dem Wirtshaus

Daniel Voglhuber

von Daniel Voglhuber

Auf der einen Seite müssen immer noch Lokale zusperren. Auf der anderen Seite sind viele voll. Warum der Zeitgeist das Gasthaus liebt.

Halb hohe Holzvertäfelungen, dunkle Tische, eine prächtige Schank und idealerweise noch ein Kachelofen. Das strahlt Gemütlichkeit aus. Wenn dann auch noch eine Rindsuppe im Teller dampft, die nicht aus Granulat besteht, ein goldgelbes Backhendl kredenzt wird, eventuell gar ein Beuschel, läuft der Laden im Gasthaus. Sind Menschen ohne Lust auf Fleisch glücklich, dann ist man hier an der Adresse schlechthin.

Ja, seit Jahren ist vom Gasthaussterben die Rede. Ja, es werfen tatsächlich immer noch viele Wirte das Geschirrtuch und sperren ihre Lokale zu. Und es sind immer noch mehr als jene, die neu eröffnen. Dennoch scheint es eine Sehnsucht nach bodenständiger Einrichtung und Küche zu geben. Wer über eine gute Ausbildung verfügt, ein stimmiges gastronomisches Konzept und eine ordentliche Portion Mut hat, kann durchaus mit großem Zuspruch und Appetit der Besucher rechnen.

Gutes Essen ist wichtig

„Es gibt viele Betriebe, die ihren Gästen auf einem hohen Qualitätslevel begegnen“, sagt Harald Pollak, Obmann der Niederösterreichischen Wirtshauskultur und Wirt des Retzbacherhofs im Weinviertel. Es ist eben Zeitgeist, dass man einen großen Wert auf gutes Essen legt. Wenn das Schnitzel in der Fritteuse im ranzigen Fett schwimmt oder die Saucen aus dem Packerl kommen, dann werden es die Gastronomen mit ihrer Küche schwer haben, ihre Gäste zu begeistern.

Auch verstärkt auftretendes Regionalbewusstsein der Menschen hat ein Scherflein dazu beigetragen, dass man öfter ins Wirtshaus geht. „Jetzt dürfen es wieder mehr Gebackenes und Innereien sein. Generell sind die Speisen wieder etwas deftiger.“

Harald Pollak in der Gaststube seines Retzbacherhof in UNterretzbach.

©Retzbacherhof/Rita Newman

Und auch sonst sprechen ein paar Aspekte für das traditionelle Gasthaus. „Hier ist es einfach ungezwungener als in einem Fine-Dining-Tempel. Als Ansprechpersonen gibt es die Wirtsleute, die aktiv mitarbeiten. Und was noch dazukommt, die Gäste können das Budget mehr kontrollieren“, versucht Pollak eine Erklärung.

Im Jahr 2021 angekommen

„Weil sich die Wirtshäuser auch so präsentieren, wie sie es 2021 machen sollen, kommen die Jungen gerne. Die Lokale nehmen Trends an. Es gibt Fusionsküche, man geht auf Vegetarier und Veganer ein“, sagt Pollak.

Eines zählt auf jeden Fall: Die Gemütlichkeit ist von größter Wichtigkeit. „Man muss sich wohlfühlen, dann funktioniert es“, sagt Gerhard Ammerer, Leiter des Zentrums für Gastrosophie in Salzburg. In der mit Gastronomie gut ausgestatteten Stadt erkenne er vor allem einen Trend: „Es wird wieder intimer.“ Sei es im Wirtshaus oder im Café. Ein Lokal als zweites Wohnzimmer – gerade in unmittelbarer Umgebung zum Zuhause – scheint wieder im Kommen zu sein. „Das sieht man auch bei der Einrichtung und bei der Ausstattung. Da gibt es Thonet-Sesseln oder altes Geschirr.“

Alte Ausstattung wie im Gasthaus Brösel im Wiener Stuwerviertel liegt im Trend.

©Kurier/Franz Gruber

Dass die Situation nicht nur in Österreich so ist, sondern auch in der ewigen Trendstadt Berlin, lässt für die weitere Zukunft der Gasthäuser auf jeden Fall hoffen. Von neuer Blüte ist die Rede. „Vor zehn, zwanzig Jahren war gar nicht daran zu denken, hier ein Gasthaus aufzumachen. Ein Café, ein Bistro, ein US-Diner oder eine Sportbar, das schon. Heute jedoch zählen die neuen verjüngten Gasthäuser in Berlin zu den Schrittmachern der Bewegung“, sagte etwa der deutsche Gourmetkritiker Erwin Seitz der taz.

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©Kurier/Irene Sackmann
Daniel Voglhuber

Über Daniel Voglhuber

Daniel Voglhuber werkt seit Dezember 2020 für die KURIER Freizeit und darf sich den schönen Dingen im Leben widmen. Zuvor war er fast zehn Jahre in der KURIER-Chronik. Er begann 2011 als Oberösterreich-Mitarbeiter in Linz, später produzierte er lange unterschiedliche Regionalausgaben. Zuletzt war er stellvertretender Chronik-Ressortleiter.

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