Ältere schlanke Frau hat Spaß an Bewegung mit Hula Hoop-Reifen.

66 Jahre Hula-Hoop: Wie der Reifen das erste Modespielzeug wurde

Am 16. Juni 1958 wurde in Los Angeles der erste Hula-Hoop-Reifen verkauft. Von einer Manie, die einbrach, um wieder neu zu entfachen.

Der Weg von Arthur K. Melin und Richard Kerr war – wie für diese Geschichte passend – ein gekrümmter.

Eigentlich wollten die beiden Studienkollegen in Kalifornien ja Falken züchten. Um die Raubvögel dazu zu bringen, in den Sturzflug zu verfallen, bastelten sie eine Steinschleuder, mit der sie Fleischbällchen in Richtung der Tiere schossen. Doch als sie die Falken an Vogel-Enthusiasten verkaufen wollten, hatten diese weniger Interesse an den Vögeln, als an den Schleudern.

Und so begann ihr richtiges Verkaufsprojekt – wie für amerikanischen Erfolgsgeschichten würdig – in einer Garage. Dort sägten und schleiften sie händisch an den Schleudern, die sie nach dem Gefühl benannt, das sich einstellte, wenn das Wurfgeschoss das Ziel traf: Wham-o.

Doch Arthur Melin, der kreative Kopf des Duos, wollte mehr als bloß Schleudern und später Bumerangs basteln. Als er in New York eine Rohkostbar sah, kaufte er in Texas eine Lkw-Ladung Austern, um ein ähnliches Projekt in Kalifornien zu realisieren. Doch das klappte ebenso wenig wie die Falkenzucht. Am Ende kippten sie die Austern ins Meer.

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Die Kindheitsanekdote

Dann aber kam eines Tages im Jahr 1958 ein Vertreter aus Australien vorbei. Er erzählte eher beiläufig, wie er als Kind im Turnunterricht einen Bambusreifen um die Hüfte gedreht hatte. Arthurs Erfolgsradar schlug aus.

Natürlich haben Arthur Melin und Richard Kerr das Rad nicht ganz neu erfunden. Es ist bekannt, dass bereits die antiken Römer und Griechen mit dem Reifen spielten. Auch in den ägyptischen Gräbern wurden ähnliche Spielzeuge gefunden. Und im viktorianischen England oder im Kanada des 19. Jahrhunderts wurden Reifen zur Freizeitbeschäftigung mit einem Stock die Straße entlanggetrieben.

Aber manchmal muss man das Rad nicht neu erfinden, um einen Hype auszulösen. Es reicht schon, ihm einen neuen Drall zu geben.

 

Als Arthur an dem Abend nach Hause kam und seiner Frau von seiner Produktidee erzählte, antwortete Suzy Melin, so erzählte sie es später in einem Interview mit der New York Times, nüchtern: „Das kann man nicht im Fernsehen zeigen – sie haben gerade die Hüften von Elvis Presley aus der Ed Sullivan Show verbannt.“

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Der Prototyp

Doch das hielt Arthur Melin nicht davon ab, Kunststoffreifen mit 110 Zentimeter Durchmesser zu kreieren und ihn Kinder in der Umgebung ausprobieren zu lassen.

Am 16. Juni 1958 erschien im Los Angeles Mirror eine Werbeanzeige des Broadway Department Store. „Beim Hula-Hoop-Reifen“, wurde dort beworben, „ist die ganze Familie mit von der Partie“. Zu haben war er um 1,98 Dollar (umgerechnete und Inflations-angepasste 19 Euro.) „Den Reifen“, so wurde in der Anzeige noch die Anweisung gegeben, sollte man „mit einem schnellen Vorwärtsstoß der rechten Hand ins Kreisen bringen“ und dann „den Körper drehen, um den Reifen im Kreis zu halten.“ Zwei Monate später hatten Arthur Melin und Richard Kerr 25 Millionen Stück verkauft, zwei Jahre später 100 Millionen.

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Und vielleicht war es genau der Hüftschwung, der den Reifen so erfolgreich machte. Die Bewegung war anstrengend und vielleicht anregend, verspielt und doch wild. Zu wild für manche. In mindestens drei Ländern wurde der Reifen verboten. Er sei zu unanständig, hieß es in Japan, er wecke die Leidenschaft, hieß es in Indonesien, und er verkörpere „die Leere der amerikanischen Kultur“ urteilte die Sowjetunion.

In Amerika und bald auch in Europa erschienen die Hula-Hoop-Reifen schnell auf der Straße, am Strand, in der Turnstunde, im Garten. Es wurde in der Gruppe gehullert und um die Wette. Am 11. November 1958 gelang es der elfjährigen Ann Evans aus Süd-Wales, den Reifen fünf Stunden und fünf Minuten lang ohne Unterbrechungen um ihre Taille zu halten. Dabei zog der Reifen nach ihren Angaben 33.550 Runden – ein neuer Rekord.

Am Ende im Minus

So schnell wie der Verkaufserfolg gekommen war, so schnell brach das Interesse wieder ein. Von den 20.000 Stück, die bereits im ersten Jahr pro Tag produziert wurden, blieben etliche unverkauft. Das Produkt brachte Arthur Melin und Richard Kerr am Endes des Jahres ein Minus von 10.000 Dollar (umgerechnete und inflationsangepasste 100.000 Euro).

Damit war die Reise des Reifens aber noch nicht vorbei. In den 1960ern kam es zu einem neuen Hype, als die Erfinder ein Kugellager einfügten, um ein „Schusch“-Geräusch zu erzeugen. In den 1980ern wurde er von Akrobaten und Aerobic-Fans aufgenommen.

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Gerade als es nun so aussah, als würde das Spielzeug vollends aus der Wahrnehmung verschwinden, kam die Pandemie. Und der platzsparende, animierende Reifen – der wie kaum eine andere amerikanische Erfindung die Welt erobert hatte – kam einmal mehr in Mode.

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"Es ist pure Lebensfreude"

„Hula-Hoop-Reifen, gibt es die noch?“ Als sich die Wienerin Marina Hora-Pichlbauer vor acht Jahren mit ihren Hula-Hoop-Reifen selbstständig machte, hörte sie diese Fragen häufig.

Doch während des Lockdowns trudelten bei ihrem Unternehmen „Hoop Your Body“ dann auf einmal mehr Anfragen in ihrem Online-Shop ein, als sie mit ihrem Ehemann Robert produzieren konnte. Als sie das Geschäft daraufhin vergrößerten und der Onlineshop drei Wochen geschlossen war, hatten sie beim Wieder-Öffnen in der ersten Minute 10.000 Besuche auf der Webseite.

Heute hat sich die Reifen-Nachfrage beruhigt, dafür steigt der Bedarf an Hula-Hoop-Trainern. 200 Reifen-Experten hat Marina in den vergangenen drei Jahren ausgebildet.

„Die meisten kommen zum Hula-Hoop-Reifen, um abzunehmen – aber sie bleiben, weil es das Leben verändert“, sagt Marina. „Es ist pure Lebensfreude. Man stärkt die Mitte, lernt, sich wieder zu spüren.“ Das spreche verschiedenste Menschen an. Soeben habe sie einen Lkw-Fahrer aus Deutschland ausgebildet. Er will den Hula-Hoop-Reifen nun auf Raststätten etablieren.

Anna-Maria Bauer

Über Anna-Maria Bauer

Wienerin und Weltenbummlerin. Leseratte und leidenschaftliche Kinogeherin. Nach Zwischenstopps in London und als Lehrerin in der Wien-Chronik angekommen. Interessiert an Menschen, die bewegen, begeistern oder entsetzen; an ungewöhnlichen Ideen und interessanten Unmöglichkeiten. "Nichts ist verblüffender als die einfache Wahrheit, nichts ist exotischer als unsere Umwelt, nichts ist phantasievoller als die Sachlichkeit." Egon Erwin Kisch: Der rasende Reporter.

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