Erwin Wurm im Interview: „Alles kann Kunst sein“

Österreichs Ausnahmekünstler Erwin Wurm über Statussymbole, NFTs und die aktuelle Kritik an einem seiner Werke.

Er ist bekannt dafür, Vertrautes in neuem Licht zu betrachten und es dabei bis ins Groteske zu übersteigern: Mit seinen absurden Skulpturen ist Erwin Wurm zu einem der wichtigsten Gegenwartskünstler des Landes geworden. Bei seinen „One Minute Sculptures“, die ihn in den Neunzigern berühmt machten, werden die Menschen etwa angewiesen, ihre Arme durch Sessellehnen zu strecken oder ihren Kopf auf Tennisbällen auszuruhen – der involvierte Betrachter gerät damit selbst zum Kunstwerk.

Aufsehenerregend sind auch seine „Fat Cars“ vom Anfang der 2000er-Jahre: künstlich aufgeblähte Autos, die durch Polyester-Wulsten ihre Mobilität verlieren, aber auch ihren Wert als Statussymbol. Im März ist in Bonn nun eine Kritik Wurms am Konsumwahn zu begutachten: eine riesige Handtasche auf zwei Beinen – im öffentlichen Raum, ganz nach Wurms Manier.

Ihre Skulptur „Walking Bag“, eine riesige Handtasche auf zwei Beinen, die am 13.3. in der Bonner Innenstadt aufgestellt wird, hat für Diskussionen gesorgt. Können Sie die Kritik, die Skulptur sei frauenfeindlich, nachvollziehen?

Ich will mich mit dieser Kritik gar nicht beschäftigen. Es hat auch kulturpolitische Hintergründe, warum die Skulptur manchen ein Dorn im Auge ist. Fakt ist, ich habe das Objekt der Stadt geschenkt, es kostet niemandem etwas. Und: In Bonn steht eine Frauentasche mit langen Beinen, in Hamburg eine Herrentasche mit langen Beinen. Ebenfalls geschenkt, einer Institution, die sich für Obdachlose einsetzt. Die Skulpturen stellen eine Kritik an unserer konsumorientierten Gesellschaft dar.

Personifiziertes Accessoire: Skulptur „Walking Bag“, ab März in Bonn (Fotomontage) 

©Bildrecht, Wien 2022
Können Sie diesen Markenfetischismus, der mit Devotionalien aus Mode und Design betrieben wird, verstehen?

Kann ich. Wir alle sind Kinder unserer Zeit, mit gewissen psychologischen Vorgaben und gesellschaftlichen Konditionen. Wir unterliegen bestimmten Vorstellungen, wie wir zu sein haben. Ein Diktat etwa besagt, wir haben ewig jung zu sein. Uns neu zu erfinden, hilft uns – scheinbar – dabei. Denn das ist, was passiert, wenn wir uns ein neues Outfit kaufen: Wir empfinden die Möglichkeit, uns zu erneuern. Aus der Person, in der wir stecken und die wir sind, jemand anderen zu machen. Ich kenne das von mir selbst. Aber es ist ein Irrtum, dem wir aufsitzen. Und der durch die Werbung natürlich tatkräftig unterstützt wird.

Stetige Erneuerung, auch für Sie ein unabdinglicher Antrieb als Künstler?

Für mich ist das Skulpturale ein Katalysator unserer Zeit. Ich kann dadurch aus unserer Welt und unserem Alltag etwas Neues herausschürfen. Es eröffnet mir die Möglichkeit, etwas anderes zu erkennen – oder manchmal auch nicht. Ich finde das faszinierend. Das ist mein Ansatz. Mein ganzes Werk dreht sich um unsere Zeit und wie ich sie bildhauerisch in Relation setze.

Wundert es Sie auch, dass manche Leute Shoppen als kreative Betätigung einstufen oder als Hobby angeben?

Ja, aber wir sind alle Menschen und nichts Menschliches ist uns fremd. Jeder hat andere Vorlieben und Prämissen. Der eine findet es toll, einer Kugel aus Leder nachzurennen. Und ein anderer, sich einen neuen Mantel zu kaufen oder ein neues Auto und sich neu zu erfinden. Ich möchte mich darüber in keiner Weise negativ auslassen. Wir sind alle Teil des Ganzen. Trotzdem erlaube ich mir, es zu kritisieren. Weil ich denke, dass Aspekte unserer Wohlstandsgesellschaft – wie das Zuviel an allem, das Überbordende, der Kontrollverlust, die Ausbeutung der Natur und der Tierwelt – es herausfordern.

Selbst Kunstwerk sein: One Minute Sculpture von Erwin Wurm

©ANTHONY WALLACE / AFP / picturedesk.com/ANTHONY WALLACE/picturedesk
Was bedeuten Ihnen Statussymbole? Sind die noch ein Thema oder erledigt sich das mit zunehmendem Alter von selbst?

Sie sagen es. Natürlich gab es Bubenträume, die ich mir erfüllt habe. Träume, die mir vielleicht sogar von der Gesellschaft, in der ich sozialisiert wurde, eingeprägt wurden. Als kleiner Bub träumt man eben von schnellen Autos. Von Häusern, vom Erfolg, von einer sogenannten Position in der Gesellschaft. Dass man etwas darstellt in der Welt. Dem auszukommen ist schwer.

Statussymbole ändern sich, verschwinden, werden ausgetauscht. Was gestern angesagt war, ist plötzlich nicht mehr tragbar. Wie denken Sie darüber?

Wir leben in einem ständigen, schmerzhaften Lernprozess. Schnelle, laute Autos sind passé. Nehmen Sie etwa die Muscle Cars, die großspurigen PS-Monster aus Amerika. Auch mir haben diese Autos eine Zeit lang gut gefallen. Jetzt finde ich sie vulgär und abstoßend. Sie repräsentieren etwas, das in die Vergangenheit verweist und nicht nach vorne gerichtet ist. Sie sind ein fahrender Rückschritt.

Sie sprechen die Technologie an?

Wasserstoff-Autos und E-Fahrzeuge sind die Zukunft. Mit Erdöl betriebene Verbrennungsmotoren sind es nicht. Wir stecken mitten in einem Werte- und Gesinnungswandel, die Menschen wenden sich ab von der groben, fahrlässigen, groß angelegten Zerstörung unseres Planeten. Seit es Autos gibt, werden Abgase milliardenfach in die Atmosphäre gepumpt. Es ist eine einfache Milchmädchenrechnung, dass sich das irgendwann nicht mehr ausgeht.

Aufgebläht: „Fat Car“-Porsche mit menschlichen Zügen 

©Werner Rudhart / Visum / picturedesk.com/Werner Rudhart/picturedesk
Manche meinen, jetzt sei es bereits fünf nach zwölf.

Man hat das Ende halt immer hinausgezögert, wollte es nicht wahrhaben. Wissenschaftliche Befunde gab es schon vorher. Aber Erdöl- und Automobil-Lobby haben versucht, die Resultate zu negieren und zu verändern, haben Regierungen bestochen. Eine üble, typisch industrielle Vorgehensweise. In dieser Hinsicht muss man die Wirtschaft an die Kandare nehmen. Ich glaube nicht mehr daran, dass die Wirtschaft sich selbst regelt. Ganz im Gegenteil. Aber die Politik scheitert daran, im großen Stil. Nicht nur in Österreich, auch international.

Sie hatten einen schweren Autounfall. Hat der auch zu Ihrem umweltfreundlichen Gesinnungswandel beigetragen?

Das war mit ein Grund. Ich bin damals einen großen, ziemlich protzigen SUV gefahren. Auf der Fahrt nach Wien habe ich mich überschlagen, ich bin 90 Meter auf dem Dach die Straße entlang gerutscht. Ein Totalschaden, aber ich habe überlebt. Als die Feuerwehrleute zum Unfallort gekommen sind, meinten sie, sie hätten gedacht, sie fänden jetzt eine Leiche im Auto. Dieser Vorfall war eine Initialzündung für mich, umzudenken. Ich habe mir ein E-Auto gekauft, einen Tesla, dafür haben mich viele noch ausgelacht. Aber das war mir wurscht.

2021 feierte Ihre berühmte „Fat Cars“-Serie den 20. Jahrestag. Wie kamen Sie auf die Idee, Autos grotesk aufzublähen?

Das war nicht geplant, das ist mir passiert. Ich versuche ja immer, die Realitäten unserer Welt abzufragen und neue Ausdrucksformen für meine Arbeit zu finden. Angeregt dazu haben mich Weight-Watchers-Inserate mit ihren Vorher-Nachher-Bildern von Menschen, die durch ihre Diät abgenommen haben. Ich habe das dann im Selbstversuch umgekehrt – und mich ausgestopft: mit Kleidung und Brot im Mund. Und siehe da: Mit der Volumensänderung ging eine Inhaltsänderung einher. Auf Schlanke wird anders reagiert als auf adipöse Menschen.

Sie legten das dann auf Autos um.

Wenn man das biologische Phänomen des Volumenszuwachses mit einem technischen Artefakt wie dem Auto koppelt, zeitigt das spannende Ergebnisse: Die Autos bekommen plötzlich ein Gesicht, sie nehmen menschliche Züge an. Derselbe Effekt ließ sich bei Häusern beobachten.

Wurms „Fat House“ beim Oberen Belvedere 

©APA/AFP/JOE KLAMAR
Ihre überdimensionierten Skulpturen wie das vom Wiener Museum für moderne Kunst kopfüber hängende Einfamilienhaus oder das Segelboot auf einem Hoteldach sorgen stets für Aufsehen. Warum war es Ihnen immer so wichtig, Ihre Kunst im öffentlichen Raum zu platzieren?

Es soll etwas bewirken. Es gibt nichts Langweiligeres als ein Werk, das hingestellt und wortlos akzeptiert oder übersehen wird. Das danach verschwindet und vergessen wird. Wenn es aber eine Diskussion auslöst und die Leute sich ein bissl darüber aufregen, ist das schon gut. Das ist mir zehnmal lieber als Desinteresse.

Also besser Einkaufsstraße als Museum.

Der museale Raum ist ein geschützter Raum, den nur darauf konditionierte Leute mit Vorwissen besuchen. Deshalb hat der öffentliche Raum mich umso mehr interessiert: So entkomme ich den Galerien und gehe stattdessen mit meiner Kunst hinaus in die Welt. Ich erreiche viel mehr Leute.

Was denken Sie, welche Richtung schlägt die Kunst in Zukunft ein?

Ganz ehrlich: Ich weiß es nicht. Es ist mir auch egal. Ich mache das, was ich mache, weiter. Suche weiter, entwickle weiter. Was als Nächstes kommt, dafür ist bereits eine andere Generation zuständig. Ich mache meines, und die anderen machen ihres.

Zur Person

Zur Person

Erwin Wurm wurde 1954 in Bruck an der Mur geboren. Er studierte  u.a.  an der Hochschule für angewandte Kunst und der Akademie der bildenden Künste in Wien. Bekannt durch seine „One Minute Sculptures“, die etwa von den Red Hot Chili Peppers aufgegriffen wurden, und seine „Fat“-Skulpturen. Verheiratet, drei Kinder.

Zur Zukunft der Kunst gehören NFTs, also Non-Fungible Token – digitale Originale. Der Hype hat den Mainstream erreicht. Sie sind auch in den Markt eingestiegen, haben ein eigenes NFT präsentiert.

Einer meiner Galeristen hat mich dazu ermuntert und ich dachte: warum nicht? Aber ganz ehrlich: Ich würde mir kein NFT kaufen. Ich sehe das Phänomen ähnlich wie früher die Digitalkunst: Kunst, die man sich am Fernseher an die Wand hängen kann, die man ein- und wieder ausschalten muss, um sie anzusehen – das ist nicht meine Welt.

Der Handel mit den Werken ist hier wichtiger als das Kunsterlebnis selbst.

Klar, viele haben da das schnelle Geld gewittert. Das ist wie Zocken, Spielen, Stockmarket. Auch bei Auktionen werden immer wieder junge, unbekannte Künstler von Galeristen und Sammlern, die sich zusammengetan haben, hochgepusht. Wenn dann allerdings keine tollen Arbeiten mehr folgen, fällt das in sich zusammen. Da geht es nur um Geld, das ist wie Gamblen.

Haben Sie auch eine gewisse Spielernatur?

Nein, ich bin kein Spieler. Ich spiele nicht einmal Karten. Es gibt Leute, die lieben das und fühlen sich erfüllt dadurch. Ich fühle mich dadurch unendlich leer.

Wofür geben Sie gern Ihr Geld aus?

Für Kunst. Und ich habe mir das eine oder andere Haus gekauft.

Ahoi von hoch oben: Wurms gekrümmtes Segelboot am Dach des Hotel Daniel in Wien sorgte für Aufsehen 

©Weitzer Hotels
Wie lebt es sich auf Schloss Limberg in Niederösterreich, wo Sie wohnen und das auch Ihr Atelier ist?

Ich wollte weg aus Wien, weil mir der Platz zu eng wurde – meine Arbeiten wurden immer größer. Also habe ich das Schloss gekauft, vor 20 Jahren; nicht um des Schlosses willen oder um Graf zu spielen, sondern weil hier früher eine Landwirtschaft dazugehörte, in den Hallen standen Mähdrescher. Jetzt kann ich da meine Kunst ausbreiten. Außerdem habe ich hier meine Ruhe. 

Vielleicht wachsen Sie ja in die Rolle des Landgrafen noch hinein ...

Nein, danke (lacht). Das ist nicht meine Welt. Das sind tolle Leute, jedoch ist bei einigen der Weltblick nach hinten gerichtet. Mich aber interessiert die Zukunft. Ich möchte Neues erleben und finden, ich muss weitermachen und möchte keine Ruhe geben. Das treibt mich an. Sehr.

Für einen Artikel in der FAZ konnte man Sie kürzlich in der Rolle als Meisterkoch erleben. Kann Essen auch Kunst sein?

Klar, warum nicht. 

Der Staatsoperndirektor ist gegenteiliger Ansicht, erklärte er in einem Interview.

Alles kann Kunst sein. Wenngleich mich nur interessiert, ob etwas Qualität hat, gut ist, mich fasziniert – oder eben nicht. Ob etwas Kunst ist oder nicht – das frage ich mich schon lange nicht mehr. Das ist mir eigentlich wurscht.  

Eine letzte Frage: Ihr WhatsApp-Titelbild zeigt nackte Frauenfüße, zwischen deren Zehen Essiggurken stecken. Was wollen Sie dem Anrufer damit sagen?

Das Bild ist aus der ersten Serie meiner One Minute Sculptures (Menschen werden aufgefordert, in einer bestimmten Position zu verharren und mutieren damit selbst zum Kunstwerk, Anm.). Ich habe es letztens wiederentdeckt, nachdem ich es vergessen hatte. Ich will damit sagen, das Leben ist schwer genug – da braucht es manchmal einfach Gurken zwischen den Zehen.

Alexander Kern

Über Alexander Kern

Redakteur KURIER Freizeit. Geboren in Wien, war Chefredakteur verschiedener Magazine, Gründer einer PR- und Medienagentur und stand im Gründungsteam des Seitenblicke Magazins des Red Bull Media House. 12 Jahre Chefreporter bzw. Ressortleiter Entertainment. Schreibt über Kultur, Gesellschaft, Stil und mehr. Interviews vom Oscar-Preisträger bis zum Supermodel, von Quentin Tarantino über Woody Allen bis Jennifer Lopez und Leonardo DiCaprio. Reportagen vom Filmfestival Cannes bis zur Fashionweek Berlin. Mag Nouvelle Vague-Filme und Haselnusseis.

Kommentare