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Freddie Mercury: Bis heute Ikone und Idol

Der epochale Sänger brachte Rock auf ein bis dahin nie gekanntes Format. Kein Frontman konnte ihm je das Wasser reichen

Wissen Sie noch, wo Sie waren, als Sie die Nachricht erreichte? Wer mit Rock und Pop in den 1970er und 80er Jahren sozialisiert wurde, kann vermutlich eine solche Geschichte vom 24. November 1991, vor genau 30 Jahren, erzählen: Der Tag, an dem Freddie Mercury starb. Eine Figur, die eigentlich nicht sterben konnnte, weil sie größer war als das Leben, Monument und Ikone. Dass der Frontman der Gruppe Queen an AIDS erkrankt war, hatte die Öffentlichkeit erst verhältnismäßig spät erfahren, und sie wollte es auch nicht wahrhaben, dass die Krankheit - genauer gesagt: Eine Lungenentzündung, gegen die sich Mercurys Körper nicht mehr wehren konnte - den Sänger das Leben kosten würde.

Rückblickend gesehen hatte Mercury seinen Tod angekündigt, der Song "The Show Must Go on" lässt eigentlich an Offensichtlichkeit nichts zu wünschen übrig: "I'll soon be turning, round the corner now" heißt es da, und "Inside my heart is breaking / My makeup may be flaking / But my smile still stays on": Auch wenn er bald "um die Ecke gehen" würde, blieb Freddie Mercury doch Showman bis zuletzt, sein Lächeln hielt er aufrecht.

Von der großen Bühne zog sich Mercury bereits 1986 auf dem Höhepunkt zurück. Queens Mammutkonzert vor 120 000 Zuschauern im Knebworth Park war sein letztes mit der Gruppe, die für Welthits wie „We Will Rock You“, „Radio Ga Ga“ oder „Another One Bites The Dust“ steht. Dass es eines Tages ohne ihn weiter gehen könnte, ahnte er. „Das ist der Überlebensinstinkt der Band. Wenn ich mal plötzlich nicht mehr da sein sollte, werden sie mich ersetzen“, sagt er Mitte der 80er in einem Interview und grinst. „Aber es wird nicht leicht, mich zu ersetzen.“

Er nimmt noch zwei komplette Alben mit seinen Bandkollegen auf. „The Miracle“ wird 1989 veröffentlicht, „Innuendo“ erscheint im Februar 1991 und enthält die vielsagende Single „The Show Must Go On“. Zu diesem Zeitpunkt weiß Mercury, dass ihm nur noch wenig Zeit bleibt. Seine schwindenden Kräfte nutzt der gesundheitlich schwer gezeichnete Musiker, um weitere Songs einzusingen, letztmals im Mai. Sie sind auf dem letzten Album „Made In Heaven“ zu hören, das 1995 posthum erscheint.

Nach dem Freddie-Mercury-Tribute-Konzert im April 1992, bei dem die verbleibenden Queen-Musiker im Wembley-Stadion mit Stars wie George Michael, Lisa Stansfield, Elton John und David Bowie auf der Bühne stehen, veröffentlichen Gitarrist May und Drummer Roger Taylor Soloalben. Bassist John Deacon setzt sich zur Ruhe. „Wir hatten nicht gedacht, dass wir noch einmal zusammen Musik machen“, sagt Taylor in der TV-Dokumentation „The Show Must Go On“. Doch es kommt anders.

©APA/dpa/Werner Baum

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Das Musical „We Will Rock You“, das 2002 in London Premiere feiert, bewegt May und Taylor zum Umdenken. Ein Jahr später tritt das Duo bei einem Konzert zu Ehren von Nelson Mandela in Kapstadt - mit Deacons Zustimmung - erstmals wieder unter dem Namen Queen auf. Fünf Jahre lang gehen sie anschließend mit Paul Rodgers, dem ehemaligen Sänger von Free („Alright Now“) und Bad Company („Can't Get Enough“), auf Tournee und veröffentlichen als Queen + Paul Rodgers sogar ein gutes Album: „The Cosmos Rocks“.

2009 treten Queen beim Finale der achten Staffel der Castingshow „American Idol“ mit den beiden Finalisten Kris Allen und Adam Lambert auf. Allen gewinnt die Show, aber der stimmgewaltige, extravagante Lambert beeindruckt Queen. Als sie 2011, im Jahr des 40. Queen-Jubiläums, bei den MTV Europe Music Awards auftreten sollen, rufen sie Lambert an. Der schmettert „The Show Must Go On“, „We Will Rock You“ und „We Are The Champions“ und empfiehlt sich endgültig für ein dauerhaftes Engagement. Seit 2012 sind Queen + Adam Lambert regelmäßig auf Tournee und spielen weltweit Konzerte.

30 Jahre nach dem Tod von Freddie Mercury, der im September 75 geworden wäre, lebt sein Mythos also weiter, nicht zuletzt auch befeuert durch das Biopic "Bohemian Rhapsody", der allerdings Geschichtsklitterung betreibt: Im Film ist das "Live Aid"-Konzert 1985 der Höhepunkt der Bandkarriere nach einer Krise und ein Aufbäumen Mercurys gegen die Aids-Diagnose - tatsächlich erhielt der Sänger diese erst 1987, zwei Jahre nach dem Konzert.

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©APA/AFP/JEAN-CLAUDE COUTAUSSE / JEAN-CLAUDE COUTAUSSE

Rückblickend markiert Queen mit Freddie Mercury einen Höhepunkt der Rockgeschichte: Niemand sonst hatte das Format einer Rockband in Klang und Appeal so groß gemacht und dabei eine Breite erreicht, die alle Aufspaltungen in Szenen und Sub-Stile schlicht wegwischte. Mit den Anleihen bei der Oper, den großen theatralen Gesten und hymnischen Melodien wirkte Mercury bombastisch, aber nie kitschig - wohl auch, weil er als Bühnenperson stets etwas "außerhalb"  stand. Seine Homosexualität - nie offensiv publik gemacht, aber durch sein Spiel mit allerhand Szene-Codes doch ganz offensichtlich - schien für Queen-Hörerinnen und Hörer kein Grund für Hass und Disput zu sein. Freddie stand einfach drüber. Und er tut es, als Ikone und Idol, eigentlich bis heute.

Michael Huber

Über Michael Huber

Michael Huber, 1976 in Klagenfurt geboren, ist seit 2009 Redakteur im Ressort Kultur & Medien mit den Themenschwerpunkten Bildende Kunst und Kulturpolitik. Er studierte Publizistik und Kunstgeschichte und kam 1998 als Volontär erstmals in die KURIER-Redaktion. 2001 stieg er in der Sonntags-Redaktion ein, wo er für die Beilage "kult" über Popmusik schrieb und das erste Kurier-Blog führte. Von 2006-2007 war Michael Huber Fulbright Student und Bollinger Fellow an der Columbia University Journalism School in New York City, wo er ein Programm mit Schwerpunkt Kulturjournalismus mit dem Titel „Master of Arts“ abschloss. Als freier Journalist veröffentlichte er Artikel u.a. bei ORF ON Kultur, in der Süddeutschen Zeitung, der Kunstzeitung und in den Magazinen FORMAT, the gap, TBA und BIORAMA.

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