Warum räumt im Büro keiner den Geschirrspüler ein und aus?

Alle sind sich zu fein oder sie sind zu faul. Wieso und was kann man dagegen tun?

Jetzt ist schon wieder NIX passiert. Neben der Abwasch steht eine Horde eilig abgestellter Kaffeehäferln, an den Rändern pickt der braun-klebrige Rest vom Automatenkaffee. Daneben: ein Stapel Teller, am obersten kauert gar ein trauriges Überbleibsel bröseliger Schwarzwälder. In der Spüle: ein schmutziges Allerlei an Schüsseln, vielleicht vom Frühstücksmüsli, man weiß es nicht, will es auch nicht wissen. Was aussieht wie das Nachspiel einer Partynacht ist jedoch der Schauplatz Büro. Obwohl der Geschirrspüler nur eine Handbreit tiefer liegt, hat wieder keiner ihn eingeräumt. Oder eingeschaltet. Weil man ihn dazu erst ausräumen und das Geschirr in den Kasten hätte stellen müssen. Doch irgendwie sind wir uns dafür alle zu fein. Oder wir sind zu faul. Bis sich eine arme Seele halt erbarmt. Irgendwann halt.

„Das Zusammenleben im Büro ist durchaus mit dem in einer WG vergleichbar“, sagt dazu Johann Beran, Arbeitspsychologe in Wien. Und da würden nun einmal völlig unterschiedlich sozialisierte Wesen aufeinandertreffen. Nicht alle seien darauf ausgelegt. Wer als Kind gewohnt war, Frondienste wie das Wegräumen schmutzigen Geschirrs von Mama und Papa befohlen zu bekommen, der wird auch später nur auf konkrete Anweisungen zur Zuständigkeit reagieren.

Auf Eigenverantwortung solle man deshalb besser nicht setzen. „Warum sollte sich jemand unaufgefordert für die schmutzigen Teller verantwortlich fühlen?“, so Berans ernüchternde Diagnose. Solidarität müsse erzeugt werden. Sonst würden Ausflüchte gesucht („ist eh nur eine einzige Tasse“) oder kreative Ausreden erfunden. Dazu komme, und das sei keine Ausrede, dass wir im modernen Arbeitsleben alle unter enormen Stress stehen.

„Bei beruflichem Druck konzentriert sich der Mensch auf das Wesentliche: die Aufgabe, die ihm gestellt wurde.“ Auf Geschirrwegräumen zugunsten des Gemeinwohls würde da schnell verzichtet. Die Lösung? Beran empfiehlt Stricherllisten. So würde die Last gerecht auf alle verteilt. Wie in der WG eben. Bleibt nur eines: Ein Chef, der seiner Vorbildfunktion gerecht wird – und sich gleich selber auch auf der Liste zum Spüldienst einträgt.

Frage der freizeit

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Alexander Kern

Über Alexander Kern

Redakteur KURIER Freizeit. Geboren in Wien, war Chefredakteur verschiedener Magazine, Gründer einer PR- und Medienagentur und stand im Gründungsteam des Seitenblicke Magazins des Red Bull Media House. 12 Jahre Chefreporter bzw. Ressortleiter Entertainment. Schreibt über Kultur, Gesellschaft, Stil und mehr. Interviews vom Oscar-Preisträger bis zum Supermodel, von Quentin Tarantino über Woody Allen bis Jennifer Lopez und Leonardo DiCaprio. Reportagen vom Filmfestival Cannes bis zur Fashionweek Berlin. Mag Nouvelle Vague-Filme und Haselnusseis.

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