Trendwende am unteren Rücken: Das verpönte Arschgeweih ist zurück

Mit dem modischen Comeback der Nullerjahre wird auch das berühmt-berüchtigte Rücken-Tattoo wieder hip – anders als in den vergangenen Jahren hat es nun ein positives Image.

Es war Anfang der 2000er-Jahre, als Jeans hüfttief getragen, T-Shirts am Bauchnabel endeten und der freie Rücken mit Tattoos geschmückt wurde. Tribals, Ornamente oder Schmetterlinge, die über dem Gesäß platziert wurden, waren an Stars wie Christina Aguilera, Jessica Alba, Drew Barrymore oder Nicole Richie zu bewundern.

Letztere ließ sich ihr Arschgeweih aber schon vor Jahren entfernen, wie das Tattoo bald abfällig bezeichnet wurde. In den USA ist die Tätowierung als „Tramp Stamp“ bekannt und hat damit einen noch schlechteren Ruf. Ein Stempel, der einen als Tramp – sexuell freizügige Frau – brandmarkt.

„Es werden bestimmte Dinge damit verbunden, für die ich nicht stehen will. Ich bin nicht so eine Art von Mädchen“, begründete Richie 2013 ihre Laser-Entfernung. Das It-Girl hätte damit vielleicht doch noch warten sollen. Denn der Tramp Stamp gilt seit Kurzem wieder als absolut hip und löst sich vom Negativ-Image. Trendsetter lassen sich durch den Hype um die Ästhetik der Nullerjahre (Y2K-Style genannt) wieder vermehrt Arschgeweihe in die Haut stechen.

Promis zeigen es vor

So wie Sängerin Miley Cyrus, die besagte Stelle jüngst mit einer Raubkatze zierte. Oder Mode-Influencerin Maria Bernard. Die Französin hat sich einen Schmetterling in ihren unteren Rücken stechen lassen.

Miley Cyrus trägt jetzt eine Raubkatze am unteren Rücken

©MileyCyrus/Instagram

Wer den Trend nicht ganz so endgültig mitmachen will, kann sich mit eigens von Designerin Collina Strada entworfenen Klebetattoos aus Strass um stolze 80 Euro schmücken. Auch Labels wie Tank Air Studios oder Paloma Wool bieten temporäre Rücken-Pickerl. Vorbei sind die Zeiten des Schmuddel-Images, welches das Tattoo lange hatte. 2013 hat der französische Psychiater Nicolas Guéguen deren Außenwirkung mit Experimenten analysiert. Eine Frau mit Schmetterlingsmotiv am Rücken wurde signifikant häufiger von Männern angemacht als dieselbe Person ohne Tattoo. Der Forscher kam zu dem Schluss, dass die Tätowierung „als Signal dient, das Männer als Werbung für erhöhte sexuelle Absicht und oder Empfänglichkeit sehen“.

Auch mit Strass-Klebern wird der Rücken nun verziert

©Collina Strada

Gegen dieses sexistische Erbe wird nun just mit dem Arschgeweih rebelliert. Maca, ein Tattoo-Künstler in Berlin, bekommt immer mehr Anfragen für Tramp Stamps. „Der Ausdruck war offensichtlich respektlos gemeint, aber wir können diese Bezeichnung heute mit unseren eigenen positiven Eigenschaften versehen. Ich hoffe, dass der untere Rücken einfach als weiterer Tattoo-Bereich gesehen wird – wie der Oberarm oder die Stelle unter der Brust“, erzählt er in einem Interview.

Neue Bewegung

Das Tattoo-Comeback geht dabei auch Hand in Hand mit der Wiederbelebung der sogenannten „Bimbo-Ästhetik“. In den Nullerjahren wurde der Ausdruck in den USA verwendet, um vermeintlich dumme, aber sexy Blondinen zu beschreiben – in einer Zeit, als Stringtangas, rosa Jogginganzüge und Paris Hilton im Trend lagen.

Das neue Tattoo von Mode-Influencerin Maria Bernard

©Maria Bernard

Das frauenfeindliche Stereotyp mit herablassender Bezeichnung wird heute gegenteilig interpretiert und steht für sexuelle und körperliche Freiheit. Sich (auch als Mann) als Bimbo zu stilisieren, ist Teil einer Bewegung, die Queerness und selbstbestimmte Weiblichkeit feiert. Das Arschgeweih wird nun positiv gelesen und soll nicht mehr für unnötige Schamgefühle sorgen. All jenen, die seit zwanzig Jahren einen Tramp Stamp ihr Eigen nennen (und nicht selten verstecken), sei also gesagt: Das Arschgeweih liegt diesen Sommer voll im Trend, das Schmuddel-Image ist passé.

Christina Michlits

Über Christina Michlits

Hat Theater-, Film- und Medienwissenschaften studiert. Nach Kennenlernen des Redaktionsalltags bei Profil und IQ Style, ging es unter anderem zu Volume und dem BKF. Seit 2010 bei KURIER für die Ressorts Lebensart und Freizeit tätig.

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