Rote Lippen soll man küssen. Lippenstift als Beauty-Trend

Rote Lippen: Warum wir wieder mehr Lippenstift tragen

Setze jetzt ein starkes Beauty-Statement und male deine Lippen rot. Warum Lippenstift wieder trendy ist.

Signalrot schminkte Marilyn Monroe, die Unvergessliche, sich ihre Lippen, und ein kräftiges Rot aufzutragen gehört auch heuer zum guten Ton. Schließlich wollen wir endlich wieder Gesicht zeigen, fristete doch vor allem die Mundpartie während der Pandemie ein finsteres Dasein.

Die Zeichen stehen jetzt gut für farbige Lippenbekenntnisse, erste Zahlen aus Frankreich lassen interpretieren: Das ist es, was Frauen jetzt wollen. Die Maskenpflicht wurde gelockert und prompt kletterten die Verkaufszahlen um satte 35 Prozent in die Höhe. „Tatsächlich haben viele Konsumentinnen die neu gewonnene Freiheit mit dem Kauf eines Lippenstifts gefeiert“, befand das Marktforschungsunternehmen NPD in Paris.

Der Stift der Liebe

Dass das Comeback des Lippenstifts heuer zuerst in Frankreich zelebriert wird, passt zu seiner Geschichte. Die erste Kreation eines Stifts kommt von dort, wurde von französischen Parfumeuren auf der Weltausstellung in Amsterdam vor 139 Jahren präsentiert. Die Form glich einem Mini-Würstchen (frz. „Saucisse“) und so lautete dann auch der  Spitzname für dieses in Seidenpapier gewickelte Luxusprodukt. Die französische Schauspielerin Sarah Bernhardt, eine Diva wie sie im Buche steht, taufte das  Utensil „Stylo d’Amour“ (Stift der Liebe), was  Fantasien derart anfachte, dass so manchem die Röte auf ganz natürliche Art und Weise ins Gesicht stieg. Mon dieu, ein Phallussymbol, das zu leicht geöffneten Lippen geführt wird – mehr Skandal geht nicht.

Marilyn Monroe machte rote Lippen berühmt

Rote Lippen sind immer wieder ein Klassiker - und ein Statement

©Corbis via Getty Images/Sunset Boulevard/getty images

Zu verrucht und zu obszön, um zu einem Massenprodukt zu werden. Erst Jahrzehnte später, als sich die Stars in Stummfilmen kleine, dunkle sogenannte „Bienenstichmünder“ malten, imitierten immer mehr Zuschauerinnen diesen Style. Der Durchbruch kam  aber noch später –  berühmte Trägerinnen und Stilikonen waren Greta Garbo, Marilyn Monroe und Hildegard Knef. Das Lippenrot, das in jede Handtasche passt, wurde immer leistbarer und  ist  bis heute der wichtigste Begleiter vieler Frauen.

Rote Lippen sind sexy

Leidenschaft, Attraktivität, Power und Präsenz, das alles kann das Lippenrot einer Frau  einhauchen. Eine Studie besagt gar, dass die Verwendung dieses Schönfärbers beim Auftragen für mehr Wohlbefinden und weniger Stress sorge.  Dabei ist die Erotik immer präsent. „Es ist einfach so, dass rote Lippen attraktiv und sexy wirken“, sagt Psychologin Eva Tesar. Das spiele sich tief in unserem Unterbewusstsein ab und hat evolutionsbiologische Gründe. „Es geht darum zu zeigen, dass wir gesund sind, also gesunde Nachkommen zeugen können.“ Und so setzt die Trägerin unbewusst – und wenn sie will auch bewusst – auf Verführung.

Da wir uns jedoch evolutionär weiterentwickeln und jede Zeit und Gesellschaft ihre eigenen Regeln hat, haben sich auch die Bedeutungen immer wieder gewandelt. Schminkten sich im alten Ägypten und im Barock beide Geschlechter, so galten gefärbte Lippen mal als unschicklich, mal als Zeichen für Status: In der griechischen Antike waren Prostituierte angehalten, sich zu schminken, natürliche Lippen waren den Höhergestellten vorbehalten. Und war das Lippenrot vor der französischen Revolution ein Privileg des Adels, verzichtete dieser dann lieber darauf.   

Ein Kontrastprogramm an Signalen, das bis heute spürbar ist: Wann trägt man Farbe, wann lieber nicht? „Das ist  auch eine Frage des Selbstbewusstseins und des Typs“, erklärt Psychologin Eva Tesar.  Zu knalligen Farben gehört auch Selbstbewusstsein. Wobei nicht jede Frau, die dick aufträgt, immer selbstbewusst ist. Es kann auch Schönfärberei sein. Dabei helfen, etwas zu überspielen.

Starke Töne können jedenfalls starke Zeichen setzen. So wurde auch im Kampf um das Frauenwahlrecht in New York, 1912, roter Lippenstift getragen. Es waren die legendären Suffragetten, die von Elizabeth Arden damit ausgestattet wurden. Die historische  Basis dafür, dass  Rot auf den Lippen auch ein klares Bekenntnis zu Unabhängigkeit und Selbstbestimmung ausdrücken kann.

In dieser Tradition steht der so genannte „Lipstick Feminism“. Eine Frau drückt Power aus, wenn sie sich die Lippen kräftig schminkt. Sie zeigt Präsenz, geht nicht in Deckung, macht sich sichtbar und sagt: „Hier bin ich. Mit mir muss man rechnen. Ich habe etwas zu sagen.“

Schlechte Zeiten, schöne Lippen

Hatte im alten Ägypten das schön gemalte Äußere bis zum Totenbett eine große Bedeutung, so sorgt auch heute Make-up als Garant für eine gepflegte Erscheinung. In Krisenzeiten kommt dem sogar eine besondere Bedeutung zu. „Gerade jetzt in Zeiten des Krieges und der Pandemie, bietet der Lippenstift, und Make-up allgemein, ein gewisses Maß an Ablenkung und Selbstwertschätzung. Man schaut auf sich, hebt die eigene Stimmung“, erklärt die Psychologin.

Womit wir beim so genannten Lipstick-Index wären. Er besagt, dass mehr Lippenstift gekauft und verwendet wird, wenn wir uns in Krisenzeiten befinden. Auch die Schuhe werden höher und die Röcke kürzer. Eine Beobachtung, die etwa in den 1930er-Jahren zur Rezession sowie zu Beginn der Wirtschaftskrise 2008 gemacht wurde, und auch nach den Anschlägen vom 11. September 2001. Warum ist das so? Die Psychologin: „Ein gepflegtes Aussehen ist in schwierigen Zeiten besonders wichtig. Es geht dabei – auch wieder ganz tief im Unterbewusstsein – um die Versorgung. Man signalisiert: ,Schau her, bevorzuge mich.“ Das helfe auch bei der Jobsuche: Man zeige Jugendlichkeit und  dass mit einem zu rechnen sei. Also Selbstverantwortung und Karriere statt Abhängigkeit vom Mann.

Dass  der Lippenstift-Markt aufgrund der Maskenpflicht  2020 erheblich einbrach, scheint in diesem Kontext  noch verständlicher. Und  auch, dass diese Krise den Lipstick-Index aushebelte. Ja, gut, man macht sich zwar für sich selbst schön. Aber  auch für andere und  selten völlig ohne Grund. Und wenn keiner das sehen kann ...

Apropos gesehen werden. Was hat es mit dem  Phänomen auf sich, die Lippen aufspritzen zu lassen und/oder ein „Duckface“-Selfie (mit gespitzten Lippen)  auf Instagram zu posten. „Hier spielt die erotische Signalwirkung eine große Rolle. Volle Lippen zeigen auch wieder: Ich bin sexy, ich bin zu haben“, so Eva Tesar, die sich wünschen würde, dass Frauen  mehr darauf vertrauen, was sie wirklich wollen, statt einen Trend zu imitieren.

Vielleicht mit Signalrot gedanklich an die Seite der historischen Frauen stellen, den Suffragetten, die viel erreicht haben, sodass wir heute viel selbstbewusster und selbstbestimmter agieren können als noch vor hundert Jahren.

Die Geschichte des Lippenstifts

5.500 Jahre alt ist eine bei Ausgrabungen entdeckte  Lippenfarbe. Sie soll in Königsgräbern in der sumerischen Hauptstadt Ur gefunden worden sein. Eine Paste aus zermahlenen roten Steinen.
 

Auf 1400 v. Chr. wurde die erste Hochblüte für Lippenfarbe datiert, es ist die  Zeit des Alten Ägypten. Sich zu schminken galt als Tugend und musste man sich erst mal leisten können. Zeugnis der Schminkkunst ist Nofretetes Büste.
 

Rotwein ist nicht nur zum Trinken da: Kaiser Neros Frau Poppea verwendete Rotweinsedimente als Lippenfarbe. Dekadenz im alten Rom? Ihr sollen 100 Sklaven als Stylisten gedient haben.
 

Im 16. Jahrhundert, in der Renaissance, sorgte Königin Elisabeth I. dafür, dass angemalte Lippen schick waren. Das Schönheitsideal: roter Mund, rote Wangen und weiße Haut.
 

Zur Zeit König Ludwig XIV., im 17. Jh., schminkten sich Männer und Frauen.
 

In den 1920er-Jahren machten Stummfilmstars wie Clara Bow den Lippenstift salonfähig. Durch Marilyn Monroe wurde er in den Fünfzigern populär.
 

1883, zur Weltausstellung in Amsterdam, stellten Parfumeure aus Paris den „Stylo d’Amour“ vor, der auch „Saucisse“ (= Würstchen) genannt wurde. Er besaß keine Hülle, sondern war in Seidenpapier gewickelt. Und er galt als äußerst obszön.

 

 

 

Annemarie Josef

Über Annemarie Josef

stv Chefredakteurin KURIER freizeit. Lebt und arbeitet seit 1996 in Wien. Gewinnerin des Hauptpreises/Print bei "Top Journalist Award Zlatna Penkala (Goldene Feder)" in Kroatien. Studium der Neueren Deutschen Literatur in München. Mein Motto: Das Leben bietet jede Woche neue Überraschungen.

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