Ein Model im Pyjama posiert für die Fotografen.

"PJ-Look": In diesem Sommer dürfen wir alle im Pyjama herumlaufen

Pyjama-Party! Gestreift, gepunktet, in Seide und Satin: Der Pyjama ist alltagstauglich geworden und schaut gar nicht verschlafen aus.

Der Homeoffice-Look ist tot, es lebe der Homeofficelook – doch jetzt wird der Jogginganzug durch den Pyjama ersetzt. Und dieser ist durchaus ausgehtauglich, von wegen Schlummerrolle. "PJ-Look" heißt dieser aktuelle Modetrend, der von den Laufstegen großer Labels ausgehend den Street Style erobert hat. Motto: fast ausgezogen und trotzdem gut angezogen. 

Fashionistas probieren es mit Gemütlichkeit, in weit geschnittenen, bequemen und leichten Hosen und Hemdblusen, die aussehen wie frisch aus dem Bett, nur schöner gebügelt. So wird das Leben wenigstens modisch unkomplizierter. 

Die Pyjama-Freiheit kommt klassisch gestreift daher (in Blau, vermehrt auch in Rosa sowie anderen Pastellfarben), ebenso wie in schwarzem oder hellem Satin, schlicht oder mit verspielter Spitze. So, als hätte man vergessen, sich morgens umzuziehen. 

Und gerne auch in der gekürzten Version – in kurzer Hose, zu dem ein ausgehtaugliches Oberteil getragen wird. Boxer-Shorts im Schlafanzug-Stil sind perfekt für heiße Sommermonate oder den Strandurlaub. Kombiniert werden die Teile mit weißen, bestickten oder korsagenähnlichen Tops, kurzen oder überlangen Blusen, samt Sandalen und einer eleganten Handtasche, nach dem Motto: lässig, aber nicht nachlässig. 

Mutige trauen sich im Komplett-Look hinaus: alles Pyjama. Damit er nicht ganz so verschlafen ausschaut, werden dazu schöne Ohrringe, edle Handtaschen, auffällige Sonnenbrillen und spitze Pumps getragen. Beliebte Stoffe: kühles Leinen, bequeme Baumwolle und für den Abend Glänzendes. Stars wie Jennifer Hudson, Hailey Bieber oder Jennifer Lopez machen es vor. 

Damenwahl

Im Grunde nichts Neues. Schon einmal galten Pyjamas als ausgehtauglich und mondän, obwohl sie einst Männersache waren. Der Begriff "Pyjama" beschrieb ursprünglich eine unkomplizierte Hose mit Kordel am Bund, wie sie im Osmanischen Reich getragen wurde. In den europäischen Raum gelangte die Kombination Tunika und Beinkleid durch britische Kolonialherren, bereits im 17. Jahrhundert trugen sie viele europäische Männer als Nachtgewand

Bequemer geht's kaum: Pyjama mit Polka-Dots

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Mehr Berühmtheit erlangte der Pyjama gegen Ende des 19. Jahrhunderts, der Schlaf- beziehungsweise Hausanzug für Herren ward erfunden, aus weichem Flanell, kariert oder gestreift. Das Männernachthemd starb seinen leisen Tod. Erst um und nach der Jahrhundertwende hieß es schließlich Damenwahl, und das hatte durchaus emanzipatorischen Charakter. 

Mehr Hosen für alle Frauen, ein Bruch mit klassischen Geschlechterrollen. Für pyjamatragende Menschen beider Geschlechter galt zunächst Diskretion. "Empfohlen wurde er als Schlafbekleidung oder intime Morgenbekleidung für die Zeit unmittelbar nach dem Aufstehen, für die häusliche Morgengymnastik und als Schlaf- und Morgenbekleidung auf Reisen. Dem Dienstpersonal sollte man sich im Pyjama nicht zeigen, jemanden aus dem engen Freundeskreis konnte man durchaus in ihm empfangen", heißt es dazu in einem Artikel aus dem Magazin des Wien-Museums von Susanne Breuss. 

Coco Chanel und der Beach-Pyjama

Das änderte sich rasch. Coco Chanel war die erste Designerin, die im frühen 20. Jahrhundert elegante Pyjamas speziell für Frauen kreierte und diese ermutigte, sie nicht nur drinnen, sondern auch draußen zu tragen. Auf allen schicken Stränden Europas zeigte man sich in "Beach-Pyjamas".  

Der bekannte französische Urlaubsort Juan-les-Pins galt gar als "Pyjama-Hauptstadt" oder "Pyjamapolis", samt eigenen Outfit-Bewerben. Am Lido von Venedig hingen in den 1920er-Jahren Werbeplakate, die die Gegend als "Strand des Sonnenscheins und der Pyjamas" anpriesen. 

Zur lässigen Baumwoll-Pyjamahose wird eine schicke Tasche getragen

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Damenpyjamas mutierten rasch zum ikonischen Outfit, in dem man sich außerhalb der eigenen vier Wände zeigte, am Strand, im Strandcafé oder beim Promenieren. Auch hierzulande ein Renner. Zeitschriften mit so klingenden Namen wie "Wiener Perfekt Mode" oder "Wiener Blusenmodelle" waren voll mit Zeichnungen, die "reizende Pyjamas in femininer Linienführung" zeigten, geschneidert aus edlen Stoffen, mit Bordüren, gefüttert mit Crêpe de Chine. 

In den 1960er-Jahren nahm sich Christian Dior der Pyjama-Evolution an, indem er nicht nur feinste Stoffe verwendete, sondern auch Elemente der Dessousmode integrierte und so die Grenze zwischen Nachtwäsche und Abendgarderobe verschwimmen ließ. Im Laufe der Zeit knöpfte sich fast jedes bekannte Modehaus den Pyjama vor und interpretierte ihn neu, von Stella McCartney über Marc Jacobs bis zu Dolce & Gabbana.

Der berühmteste Pyjamaträger der Welt ist trotzdem ein Mann. Hugh Hefner, Gründer des Männermagazins "Playboy", zeigte sich fast ausschließlich in Pyjamas, die meist aus Seide gefertigt waren, dazu trug er eine elegante Hausjacke. Es heißt, er besaß 100 Seidenpyjamas in unterschiedlichen Farben, ein Jahr nach seinem Tod im Jahr 2017 wurden sie alle versteigert.  In seinen Erinnerungen "Hef's Little Black Book" notierte er: "Einer der Schlüsselmomente in meinem Leben war die Entdeckung, dass ich die meiste Zeit in Schlafanzügen herumlaufen konnte." Im heurigen Sommer gilt das für alle.  

Gabriele Kuhn

Über Gabriele Kuhn

Seit 1995 an Bord des KURIER - erst 14 aufregende Jahre lang als Ressorleiter-Stv. im Freizeit-Magazin, dann als Leiterin des Ressorts Lebensart. Seit 2017 Autorin. Kolumnistin. Interessens- und Know-How-Schwerpunkte: Medizin, Lifestyle, Gesundheit. Und Erotik. Die ironische Kolumne "Sex in der Freizeit" gibt es seit 2002. Damit's nicht fad wird, schreibe ich seit Anfang 2012 die Paar-Kolumne "Paaradox" gemeinsam mit Ehemann und Journalist Michael Hufnagl. 2014 wurde Paaradox zum Lesekabarett - mit Auftritten im Rabenhof und auf vielen Bühnen Ostösterreichs.

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