Mode-Nachruf: Abschied von der "Rainbow-Queen"

Elegant, markant, diplomatisch: Als eine der meistfotografierten Frauen der Welt definierte sie, wie sich eine Königin zu kleiden hat.

Im Alter von 96 Jahren ist Queen Elizabeth II. am 8. September 2022 in ihrem Feriensitz in Balmoral verstorben. Ihren letzten großen Mode-Auftritt hatte die britische Königin noch Anfang Juni auf dem Balkon des Buckingham Palace. Am Ende der Feierlichkeiten ihres 70-jährigen Thronjubiläums winkte sie der Menge noch einmal zu - unübersehbar in einem apfelgrünen Kostüm, das ihr der Londoner Modeschöpfer Stewart Parvin auf den Leib geschneidert hatte.

Ein letzter großer Mode-Auftritt im Juni in Stewart Parvin

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Der Look stand beispielhaft für den unverkennbaren Stil, den die Monarchin über sieben Jahrzehnte im Fokus der Öffentlichkeit kultiviert hatte. Mit fortschreitendem Alter waren ihre Mäntel und Kostüme noch farbenfroher, noch knalliger geworden, was ihr in der Presse den Kosenamen "Rainbow Queen" - Regenbogen-Königin - einbrachte. Ihre Schwiegertochter Sophie von Wessex erklärte die auffällige Farbenwahl in einer TV-Dokumentation von 2016 so: "Sie muss aus der Menge hervorstechen, damit Menschen sagen können: Ich habe die Queen gesehen!"

Vier Hofschneider

Vor Parvin, 55, kümmerten sich drei andere Schneider um die Garderobe der Regentin: Angela Kelly, die eine enge Vertraute wurde, Sir Edwin Hardy Amies und Norman Hartnell, der zuvor schon Queen Mum ausgestattet hatte. Der 1979 verstorbene Hartnell entwarf die vielleicht wichtigsten beiden Roben im Leben von "Lilibet": ihr Satin-Hochzeitskleid, in dem sie 1947 Prinz Philip ehelichte, und das offizielle Krönungskleid, in dem sie 1953 mit nur 27 Jahren zur Königin wurde.

Royal Wedding im Traumkleid von Norman Hartnell

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Über die Jahre hielt der Queen-Stil Krisen und Skandalen stand. Premierminister und Schwiegertöchter kamen und gingen, ihre "Uniform" blieb konstant: die dunkle Launer-Handtasche am Armgelenk; die schwarzen (von einer Assistentin eingetragenen) Pumps mit Metallspange und Blockabsatz; die Baumwollhandschuhe; die dreireihige Perlenkette. Ihre meist monochromatischen Kostüme endeten immer unter dem Knie und waren so geschnitten, dass kein Windstoß etwas entblößen konnte. Auch ein transparenter Regenschirm war stets parat. Bei den gut 300 Terminen, die sie bis vor der Pandemie jährlich absolvierte, wurde nichts dem Zufall und britischen Wetter überlassen.

Nie ohne eine Launer-Tasche und Lackschuhe mit kleinem Blockabsatz

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Exzentrik? Nur auf dem Kopf

Für royalen Glanz sorgten unbezahlbare Broschen und Diademe aus der königlichen Schmuckschatulle. Und dann waren da natürlich die Hüte, die ihre unverwüstlichen, weißgrauen Locken bedeckten. 5.000 mehr oder weniger ausgefallene Modelle soll die 1,63 Meter kleine Königin in den vergangenen 70 Jahren getragen haben, auch, um größer zu wirken. Und zwar mehr als ein Mal, wie der Hutmacher Phillip Somerville einst dem Telegraph verriet: "Sie trägt Hüte wahrscheinlich mindestens zehn Mal, und das ist viel." In privaten Momenten, etwa beim Reiten oder Autofahren, griff sie auf geknotete Seidenkopftücher zurück. 

Gut behütet in Ascot, wo jährlich auf die Farbe ihres Huts gewettet wurde

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Das Kopftuch signalisierte: Jetzt bin ich privat

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Auch die unzähligen Kleider und Kostüme sollen bei privaten Anlässen mehrmals zum Einsatz gekommen sein, verriet Angela Kelly in ihrem soeben neu aktualisierten Buch ("The Other Side of the Coin: The Queen, the Dresser and the Wardrobe"). Der textile Fundus ist demnach in einem Lagerraum in Buckingham Palace untergebracht. Nachhaltigkeit, royal interpretiert.

"Diplomatic Dressing"

Die Kleider der Königin waren stets mehr als bloße Fashion-Statements. Lange, bevor der Begriff modern wurde, perfektionierte sie das "Power Dressing" bzw. "Diplomatic Dressing". "Ihre Garderobe ist ihre Kommunikation", zitierte die BBC den Modehistoriker Matthew Storey anlässlich des Platinum Jubilee.

Eines von unzähligen Beispielen: Bei der Eröffnungszeremonie der Olympischen Spiele in London im Jahr 2012 wählte sie ein rosa Kleid, weil diese Farbe auf keiner der Flaggen enthalten war. Kostüme bei Staatsbesuchen - etwa in Irland oder Kanada - wurden hingegen bewusst auf die Nationalfarben abgestimmt, um Wohlwollen und Respekt zu vermitteln.

Staatsbesuch in Nordirland - natürlich in Grün

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Nicht nur in diesem Punkt ließen sich jüngere Royals wie Camilla, Herzogin von Cornwall, und Catherine, Herzogin von Cambridge, von Elizabeths Stil inspirieren. Sie werden das Mode-Erbe der Rekord-Regentin auf ihre Art weiterführen. Die Queen aber wird auch in modischer Hinsicht einzigartig und unvergessen bleiben.

Julia Pfligl

Über Julia Pfligl

Seit 2014 beim KURIER, Ressort Lebensart

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