Warum naschen wir bei Stress so gerne Schokolade?

Bernhard Praschl

von Bernhard Praschl

Fragen der Freizeit und Antworten, die Sie überraschen werden. Diesmal zum Thema Essen in Stresssituationen.

Warm, wohlig, verführerisch: Schokolade. Allein ihr Duft zaubert einem ein Lächeln ins Gesicht. Und dann erst das Aroma! Wer dabei nicht schwach wird, muss von einem anderen Universum stammen.

Freilich, dass wir diesem Genussmittel so verfallen sind, ist noch nicht lange her. Die Maya huldigten längst ihrem Kakaogott, als Christoph Kolumbus anno 1528 die ersten Kakaobohnen aus Amerika nach Europa brachte. Dann verging einige Zeit, bis aus den Bohnen – etwa durch Zugabe von Honig und Rohrzucker – ein genießbares Getränk wurde. 1544 wurde es erstmals gereicht, am spanischen Hof.

Noch bis ins 19. Jahrhundert wurde in Europa Schokolade in Apotheken in kleinen Portionen als „Kräftigungsmittel“ verkauft. Schon das kann als zarter Hinweis darauf gelten, dass sich darin stimmungsverbessernde Wirkstoffe wie Theobromin oder Phenylethylamin befinden. Angeblich soll Schokolade auch die Produktion des sogenannten Glückshormons Serotonin anregen.

Eigentlich aber hängt der Serotoninspiegel im Gehirn von der Intensität des Sonnenlichts ab. Ein Spaziergang an der frischen Luft hätte also den gleichen Effekt. Sonne ist im Winter Mangelware, daher ist der vermehrte Griff zur Schoko im Winter durchaus plausibel.

Essen gegen stressen, geht das grundsätzlich? Ja, meint die Ernährungswissenschafterin Ingrid Kiefer von der Österreichischen Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES). Sie weist nämlich darauf hin, dass es sich beim Naschen um ein zutiefst menschliches Bedürfnis handelt, denn: „In Belastungssituationen ist das Verlangen nach Süßem umso größer, je mehr Stresshormone ausgeschüttet werden.“

Wer jetzt aber glaubt, das sei ein Freibrief für viel Schoki in Stresssituationen, kriegt jetzt einen herben Dämpfer. Kiwis oder Zitrusfrüchte eignen sich wegen ihres hohen Vitamin-C-Gehalts besser, um starke Nerven zu bewahren, so die Wissenschafterin.

Aber das schmeckt halt gerade in den kalten Monaten nicht so gut wie eine kräftige, dunkle Portion Schokolade.

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Bernhard Praschl

Über Bernhard Praschl

Bernhard Praschl, geboren 1961 in Linz. Als Stahlstadtkind aufgewachsen zwischen Stadtwerkstatt und Brucknerhaus. Studium der Politikwissenschaft und Publizistik an der Uni Wien. Zivildienst im WUK; 1989-1992 in der Die Presse, seit 1992 Redakteur im KURIER, seit 1995 in der FREIZEIT. "Seinfeld"-Fan der fast 1. Stunde und froh, dass Netflix im Oktober 2021 auch draufgekommen ist, diesen von 1989 bis 1998 entstandenen Kulturschatz ins Programm aufzunehmen. Nach frühen Interrailreisen durch Europa (Portugal bis Irland) und Autofahrten entlang der California State Route und dem Overseas Highway nach Key West jetzt wieder Bahnfahrer - und E-Biker.

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