Marktgeschichten: Nostalgischer Ostertisch mit Poldikuchen-Rezept

Wer mit offenen Augen durchs Leben geht, findet manchmal verborgene Schätze. In unserem Fall ein lieb gewordenes, süßes Rezept, dessen lange Reise auf unserem Ostertisch ein glückliches Ende findet.

Die Stadt zeigt ihr farbenfrohes Lenzgewand, überall biegen sich prächtig bunte Blütenzweige. Ich schlendere über den Markt und bewundere die glänzenden Ostereier, die adrett in allen Farben in ihren Schachteln liegen. Ein zitronengelber Schmetterling flattert über den Markt, es ist keine Frage –  Ostern steht vor der Tür! Ich bleibe vor der Bücherbox stehen, die ein paar Meter vom Café aufgestellt wurde. Wie oft habe ich dort schon ausgelesene Bücher auf die Reise geschickt und mich über so manches Exemplar gefreut, das mir in die Hände gefallen ist. Ich öffne die Tür und sehe zu meinem Entzücken zwei alte Thea-Kochbücher.

„Verehrte Hausfrau“ 

Ein Umschlag kommt mir sehr bekannt vor – hat meine Mutti nicht genau dieses Buch in unserer Küche stehen gehabt? Ich schnappe mir die zwei und eile ins Café, um von meinem Fund zu berichten. Gemeinsam mit dem Ältesten betrachte ich das Kochbuch, das schon mit dem Vorwort „Verehrte Hausfrau“ aus der Zeit gefallen scheint. Die Anmerkungen der Vorbesitzerin, mit Kuli hingekritzelt, rühren mich. „Sehr gut“, steht da, „ausgefallen“ und manchmal nur ein blaues Hakerl, um anzudeuten, dass die Speise gekocht wurde. 

Als ich das zweite Buch, die „Jubiläumsausgabe“, öffne, fällt mir ein weiterer Schatz in die Hände: handgeschriebene Zettel, offensichtlich aus dem vorigen Jahrhundert, mit der markanten Handschrift, die an Kurrent erinnert und die ich von den Omas und Tanten kenne.

Poldikuchen“ steht auf einem vergilbten Zettel und ich bekomme Gänsehaut. Wer wohl die Poldi war, der dieser Schokoladenkuchen gewidmet war? „Sicher ein Leopold!“, ruft die Mittlere und setzt das Pipsi auf meinen Schoß. „Natürlich eine Leopoldine!“, erwidern Michael, der Chef des Service, und ich unisono. Welcher Opa hätte in der damaligen Zeit Kuchen gebacken? Zuhause mache ich mich sofort an den famosen Kuchen. Wie gut, dass damals schon heimische Walnüsse verwendet wurden, sicher, weil sie billiger als Importware waren – ein herrlich aktueller Gedanke. Bei der Schokolade wird nicht gespart, da darf es nur die beste Kuvertüre sein, die wir auch im Café verwenden. 

Flugs wird der Kuchen zusammengerührt und bald erfüllt wohliger, schokoladiger Duft den Raum. Für die Glasur verwende ich nur Butter und Schokolade, davor wird der Kuchen mit Marillenmarmelade bestrichen, damit er länger saftig bleibt. Bald steht das Prachtstück glänzend da und wird zur Mittleren mitgenommen, da ich heute zum ersten Mal babysitten darf. „Bald kommt der Osterhase und bringt dir dein Nesterl“, erzähle ich dem Pipsi, während ich es in den Schlaf wiege. Wie gut, dass wir heutzutage die Welt immer mehr auf den Kopf stellen, damit das Pipsi einmal alle Chancen hat und die Buben ihr Backtalent entdecken können. Was hätte wohl die Poldi dazu gesagt?

Tipp

Grau verfärbte Schokolade ist nicht verdorben, sondern muss nur geschmolzen werden, um wieder zu glänzen

Nicole Ott

Nicole Ott

ist Köchin, Gastronomin und Kochbuchautorin. Am Wiener Kutschkermarkt führt sie das Café Himmelblau

Über Nicole Ott

Kommentare