Prost: Das sind die Bier-Trends des Jahres

Bevor es auf die Wiesn geht (ob in Wien oder München) weiht Bierexperte Andreas Urban uns in die wichtigsten hopfigen Geheimnisse ein.

Hopfen und Malz, Gott erhalt’s. Und doch gehören zu einem guten Bier viel mehr als die richtigen Zutaten und himmlische Hilfe. Keiner weiß das besser als Andreas Urban. Er sitzt in seinem Büro in der Brauerei Schwechat, deren Braumeister er ist. Wobei er in seinem ozeanblauen Hawaiihemd eher nach Piña Colada aussieht, selbst wenn sein Spitzname in der Bier-Szene anderes vermuten lässt: Mr. Hophead, aufgrund seiner Vorliebe für hopfige Biere. Urban, Präsident vom Bund Österreichischer Braumeister und regelmäßig Juror, etwa beim World Beer Cup, ist guter Dinge. Er freut sich auf den Brausilvester.

Denn das Bier feiert Hoch-Zeit im Herbst. Zahlreiche Bierfestivals finden statt, dazu nahen die Kaiser Wiesn im Wiener Prater und natürlich das Oktoberfest in München. Der Brausilvester am 30. September ist eine Tradition, die noch auf das Mittelalter zurückzuführen ist und das Ende des alten Braujahrs und den Beginn des neuen feiert. Im Sommer Bier zu brauen war einst verboten, um ein durch die Hitze bedingtes negatives Ergebnis zu verhindern. Zudem steht Ende September die frische Gerste zur Verwertung bereit, und auch der Hopfen wird frisch geerntet, von Leutschach in der Südsteiermark bis ins Mühlviertel.

Für die freizeit hat Andreas Urban vier der wichtigsten Bier-Trends herausgearbeitet.

Fresh Hop Beer

Frisch schmeckt’s am besten! Unter diesem Motto wird Fresh Hop Beer, auch Junghopfenbier, Grünhopfenbier oder Wet Hop Beer genannt, gebraut. Das Bier, zumeist als Pils gebraut, riecht schon hopfenaromatisch und schmeckt auch angenehm bitter und herb. Und es ist eine durchaus rare Spezialität. Warum, ist leicht erklärt: Der Hopfen wird dafür unmittelbar nach der Ernte verarbeitet. Und genau das ist die Herausforderung.

Facettenreich: Craft Beer schwört auf die Geschmackskraft des Hopfens – von Tabaknoten bis Stachelbeer-Aromen

©Getty Images/iStockphoto/kzenon/iStockphoto

Eher kleinen Brauereien, wie etwa der Neufeldner Bio Brauerei, gelingt das leichter. Sie ist mit dem Mühlviertel in einer Region angesiedelt, in der Hopfen geerntet wird. Die frischen Hopfendolden werden hier am Vormittag am Feld eingeholt und bereits mittags für einen einzigen Sud beim Würzekochen eingesetzt. Für größere Brauereien, die in keiner Hopfen-Region liegen, ist die Sache schwieriger. Sie müssen mit gefriergetrocknetem Hopfen arbeiten. Auch weil sie auf extrem große Mengen an Hopfendolden angewiesen sind, um die notwendigen Bitterstoffe ins Bier zu bekommen. Das Junghopfenbier ist also etwas Besonderes, und so schmeckt es auch: abhängig von der Hopfensorte grasig oder kräuterartig und wie frisch vom Feld sozusagen.

Alkoholfreies Bier

Auch wenn viele jetzt die Augen verdrehen und vor kulinarischem Weltschmerz aufseufzen werden: Ja, Bier ohne Promille steht weiter hoch im Kurs. Selbst wenn der promillefreie Anteil von vier Prozent (inklusive alkoholfreiem Radler) beim gesamten Bierausstoß von 9,85 Millionen Hektolitern jährlich in Österreich gering ist.

Hat man vor einigen Jahren noch ein alkoholfreies Bier bestellt, galt man als ,Warmduscher’. Das hat
sich stark geändert. Der Trend ist gesellschaftsfähig geworden.
 

Andreas Urban, Bier-Experte

Bei der Herstellung alkoholfreien Biers kann die Hefe nur ganz wenig Alkohol bilden, weil sie unter kalten Bedingungen und durch den Gärstopp mittels Zentrifugation daran gehindert wird. Der Nachteil: Weil der Malzzucker noch nicht verstoffwechselt ist, schmecken diese Biere süßlicher. Um gegen diesen würzigen Charakter anzusteuern, werden als Gegenpol kräftige Hopfenmengen zugegeben. „Natürlich ist es nicht ident mit echtem Bier, aber doch sehr ähnlich. Hinsichtlich der Geschmacksvielfalt hat sich in den vergangenen Jahren viel verändert“, weiß Andreas Urban.

Auch der eine oder andere Traditionalist greift heute gern zum Bier ohne Promille. „Hat man vor einigen Jahren ein alkoholfreies Bier bestellt, galt man noch als ,Warmduscher’ und wurde schief angeschaut. Das hat sich stark geändert“, so Urban. „Der Trend ist gesellschaftsfähig geworden.“

Zum Wohle: Andreas Urban alias Mr. Hophead, Braumeister der Brauerei Schwechat

©Peter Rauchecker

Dass nahezu jede namhafte Brauerei ein solches Bier im Repertoire hat, ist kein Zufall. Dazu kommen Zeiten im Jahr, in denen Menschen sich immer öfter bewusst dafür entscheiden, keinen Alkohol zu trinken. Stichwort Dry January, wenn man das neue Jahr nach der weihnachtlichen Beschwipstheit besser nüchtern beginnen will. Bei der jüngeren Generation greift der Sober October um sich. 26,2 Millionen Beiträge sind unter dem Hashtag auf TikTok zu finden.

In den vergangenen Jahren sind Biere mit 0,0 Prozent Alkohol aufgekommen, die durch schonende Vakuum-Destillation hergestellt werden. Und auch der Radler (acht Prozent Anteil am Gesamtmarkt) ist aus den Regalen nicht mehr wegzudenken. Am dauerhaftesten hält sich die Geschmacksrichtung Zitrone, am beliebtesten ist jener von Gösser – sogar in Deutschland.

Bekenntnis zum Hopfen

Vor 40 Jahren begannen Pioniere in Amerika in ihren Garagen, ihr eigenes Bier zu brauen, weil sie mit dem bei ihnen angebotenen, immer dünner werdenden Geschloder nix mehr anfangen konnten. Die Craft Beer-Welle kam auf – und schwappte irgendwann zu uns rüber. Diese brachte den Genießern auch hierzulande die Liebe zu größerer Vielfalt nahe. Flavour Hops erwirken Noten aus Zitrone, Mandarine, Orange und die für ein Pale Ale unabdingbaren Grapefruits. Andere Hopfen beeindrucken mit Tabaknoten, süßlichen Melonen-Noten, Stachelbeer-, Johannesbeer- oder Kiwi-Aroma. Mehr als 100 Sorten können den Geschmack eines Bieres steuern – dieser Trend, um sich über die Aromenvielfalt des Hopfens von Mitbewerbern zu unterscheiden, wird sich fortsetzen.

Regionalität

Heimische Zutaten, Tradition und Bezug zur Gegend: Nicht immer (weil auch eine Preisfrage), aber gerne trinkt der Bierkenner Gerstensaft aus seiner Region. Stiegl etwa trägt dem mit dem Wildshut, dem ersten Biergut Österreichs, Rechnung. Hier gilt „Vom Feld ins Glas“, ökologische Kreislaufwirtschaft und das Kultivieren vergessener Urgetreidesorten.

Regionalität betrifft aber auch Bier-Stile: So rief die Brauerei Schwechat, wo Andreas Urban Braumeister ist, das von ihrem Patron Anton Dreher 1841 erfundene Vienna Lager wieder ins Leben. Brauereien wie Ottakringer oder die Craft Brewery Rodauner Biermanufaktur bieten das bernsteinfarbene Bier mit Karamellnoten erneut an. Ein Braustil, der vom klassischen Märzen verdrängt worden war, feierte damit ein Comeback. Dahoam ist halt dahoam. Oder wie es in Wien heißt: Mei Bier is net deppat.

Zünftig im Zelt: Bier wird gerne in Gesellschaft getrunken, mitunter zur Schlagermusik

©Kurier/Gerhard Deutsch

Termine rund ums Bier

Frisch gehopft: Bei diesen Events darf einander eifrig zugeprostet werden.

Bis 11.9.
Budapest Beer Week 
bpbw.hu

15.-18.9.
Bierfest am Hof, 1010 Wien
wienerbierfest.at

Bis 17.9.
Hamburg Beer Week
beerweek.hamburg

17.9.
Trumer Hopfenerntefest
Trumer Privatbrauerei, Obertrum
trumer.at

17.9.-3.10. 
Oktoberfest, München
oktoberfest.de

22.9.-9.10.
Kaiser Wiesn, Wiener Prater
kaiserwiesn.at

23.-25.9.
Austrian Beer Challenge
Staatsmeisterschaft für Brauereien
und Hobbybrauer, Casino Baden
bierig.org

18.-19.11. 
Craft Bier Fest, Marx-Halle, Wien
craftbierfest.at

Alexander Kern

Über Alexander Kern

Redakteur KURIER Freizeit. Geboren in Wien, war Chefredakteur verschiedener Magazine, Gründer einer PR- und Medienagentur und stand im Gründungsteam des Seitenblicke Magazins des Red Bull Media House. 12 Jahre Chefreporter bzw. Ressortleiter Entertainment. Schreibt über Kultur, Gesellschaft, Stil und mehr. Interviews vom Oscar-Preisträger bis zum Supermodel, von Quentin Tarantino über Woody Allen bis Jennifer Lopez und Leonardo DiCaprio. Reportagen vom Filmfestival Cannes bis zur Fashionweek Berlin. Mag Nouvelle Vague-Filme und Haselnusseis.

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