Was Star-Sängerin Elina Garanča dem Opernnachwuchs rät

Georg Leyrer

von Georg Leyrer

Der Opernstar über ihr Projekt „Zukunftsstimmen“ und die harte Realität im internationalen Klassikbetrieb (Von Susanne Zobl).

Die Mezzosopranistin Elina Garanča ist konkurrenzlos in ihrem Fach. Seit mehr als zehn Jahren fördert sie mit ihrem Ehemann, dem Dirigenten Karel Mark Chichon, junge Talente. Dazu hat sie die Initiative „ZukunftsStimmen“ ersonnen. Junge Sängerinnen und Sänger aller Stimmlagen im Alter zwischen 18 und 32 Jahren können sich für die aktuelle Ausgabe bis 16. März auf der Webseite www.zukunftsstimmen.at zum Vorsingen bewerben.

Drei Arien aus dem klassischen Opern- oder Operettenrepertoire sind vorzubereiten. Wer den Wettbewerb am 11. April gewinnt, hat die Möglichkeit, bei den traditionellen Open-Air-Konzerten im Stift Göttweig („Klassik unter Sternen“ am 6. Juli 2022) und in Kitzbühel („Klassik in den Alpen“ am 9. Juli) aufzutreten. Auch die Zweit- und Drittplatzierten sollen den Konzertbetrieb kennenlernen. Im Kurier-Interview erklärt Garanca, was ihre Initiative von einem herkömmlichen Wettbewerb unterscheidet, was die heute junge Generation im Betrieb zu erwarten hat und spricht die Härte des Sängerberufs.

Falsche Hoffnungen

Sich Ziele zu setzen, sei immer gut, aber man müsse dabei auch zu sich selbst ehrlich sein und sich selbst erkennen, erklärt Garanca und führt aus: „Viele beginnen ein Gesangsstudium, weil der Leiter des Kirchenchors gesagt hat, das sie eine Stimme haben. Aber nicht jede Stimme ist für eine Weltkarriere geeignet. Oft werden heute den jungen Leuten falsche Hoffnungen gemacht. Man soll ihnen aber sagen, woran sie sind. Ich bin da knallhart, und wenn ich das nicht bin, dann wird es ein Agent oder ein Intendant sein. Manche werden immer auf das Große warten, aber es wird nicht passieren. Aus einer Ente wird nie ein Schwan, obwohl beide Flügel haben. Wenn man aber damit zufrieden ist, dass man in einer Ortskirche singt, soll man auch weiter Gesang studieren“.

Manche Probleme sieht Garanča bereits in der Ausbildung. Ein falscher Lehrer und schon sei die Stimme weg. Aber Stimmausbildung sei ein kompliziertes Thema. Da gäbe es sehr viele Missverständnisse, meint sie. Wichtig sei es, dass man lernt, sich selbst einzuschätzen. Denn, „Agenten und Intendanten denken immer weniger an lange Karrieren, für sie gilt: Je jünger desto besser. Sie denken oft nicht daran, wie man einen jungen Sänger behutsam zu einem langjährigen Erfolg aufbaut“. Sie weiß, wovon sie spricht. Auch ihr wurden in ihren jüngsten Jahren als Sängerin Partien angeboten, für die sie sich noch nicht bereit gefühlt hatte. Und wenn das Fall war, lehnte sie ab. Zum Neinsagen aber braucht man Mut. Und natürlich müsse man auch seine eigenen Grenzen kennenlernen.

©Kurier/Franz Gruber

„Mich hat der Betrieb abgehärtet. Es gab Zeiten“, erzählt sie, „wo ich in einer großen Partie debütiert habe, ohne Orchesterprobe und ohne, meine Kollegen vorher gesehen zu haben.“ Das Wichtigste sei Disziplin und die richtige Vorbereitung.

Was können die jungen Leute sich bei „ZukunftsStimmen“ erwarten? „Bei uns sollen die jungen Leute lernen, was alles mit dem Beruf zusammenhängt“, sagt Garanca und gibt Beispiele aus der Praxis. Bei einem Vorsingen um 12 Uhr Mittag etwa, könne man nicht in Jeans auftreten, aber auch nicht im Abendkleid. Eines ihrer Ziele ist es, den jungen Menschen zu zeigen, wie hart die Realität ist. „Die jungen Leute sollen die Kritik nicht scheuen und in Depression verfallen. Sie sollen lernen, sich dadurch selber besser einzuschätzen“, sagt Garanča.

Gelebter Realismus

Und weiter: Eine etwas kräftigere Sängerin werde kaum überzeugen, wenn sie eine an Tuberkulose Sterbende darstellt. Und wenn sich ein Haus zwischen zwei Sängerinnen entscheiden müsse, von denen die eine eine sehr gute Stimme habe, aber etwas kräftiger gebaut sei und die andere nur über eine etwas weniger gute Stimme verfüge, aber toll aussieht, sei ziemlich klar, wer genommen werde. „Wie oft schreiben Kritiker: Sehr gut gesungen, aber nicht anzusehen. Man muss realistisch sein.“

Eines der obersten Prinzipien sei Disziplin. Die könne man auch aushalten. Manche seien auch durch die Umstände, die ständigen Schließungen verunsichert und überlegen, ob sie weitermachen sollen. Nicht auf die Bühne zu dürfen, bedeute jedoch nicht, dass man nicht arbeiten könne, betont Garanča. Das Internet biete genug Lernstoff. „Nur zu Hause sitzen und jammern, dass man nicht zum Unterricht gehen kann, wäre Faulheit“, bringt sie es auf den Punkt.

Georg Leyrer

Über Georg Leyrer

Seit 2015 Ressortleiter Kultur und Medien, seit 2010 beim KURIER, seit 2001 Kulturjournalist. Zuständig für alles, nichts und die Themen dazwischen: von Kunst über Musik bis hin zur Kulturpolitik. Motto: Das Interessanteste an Kultur ist, wie sie sich verändert.

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