Warum sind Inseln Orte der Sehnsucht?

Was Kunst und Kultur mit der Faszination Insel zu tun haben.

Auftauchen, kurz Luft holen. Ein paar Kraulzüge im türkis-klaren Wasser. Hinaus an den weißen Strand. Umdrehen, die Palmen im Rücken – den Blick voraus aufs Meer. Und kein Blick aufs Festland mehr. Durchatmen. Lässig. Das wär’s. Urlaub wie in der Rum-, der Kokos-Creme-Waffel-Kugel- oder der Tourismuswerbung. Wer hat nicht – mehrmals – gedacht: „Aus, vorbei, jetzt reicht’s. Ich bin reif für die Insel!“?

Aber warum sehnen wir uns nach dem Eiland? Ist es die Werbung, die uns diese Bilder in den Kopf pflanzt? Weil es schön ist? Sicher. Aber die Faszination Insel liegt mitunter in Kunst und Kultur begründet. Verantwortlich dafür ist der „Tahiti-Diskurs“. Zumindest, wenn es nach Kulturwissenschafter Volkmar Billig geht. Der Begriff meint radikale Veränderung in der Wahrnehmung von Inseln.

Von Morus bis Goethe

Menschen hätten sich schon lange mit Inseln beschäftigt. Der humanistische Autor Thomas Morus hat das Eiland „Utopia“ mit seiner idealen Gesellschaft entworfen. In Homers Epen betören Sirenen von ihren Inseln aus die armen Seefahrer. Hier sind die Flecken im Meer nicht nur idyllisch, sondern auch bedrohlich. Bei Robinson Crusoe stellt sich der Held Extremsituationen und findet zu sich.

So richtig begonnen hat die Sehnsucht laut Billig mit dem „Inseltourismus, der die Dichter und Künstler auf die Inseln führt: Goethe nach Sizilien, Gauguin nach Tahiti. Inseln werden im letzten Drittel des 18. Jahrhundert als Ort aufgefasst, an dem der Mensch zu finden glaubt, was ihm im Lauf der Zivilisation verloren gegangen ist“, sagte er der taz. Zurück zur Natur, quasi. Angefangen habe das mit den ersten Expeditionen nach Tahiti etwa von James Cook. Er und seine Kollegen berichteten von einem wahren Paradies.

Aber wie das so ist bei den Menschen und dem Reisen: Wir zerstören immer das, was wir suchen. Das war bei den Entdeckern nicht anders. Sie brachten Syphilis nach Tahiti. Billig: „Es gehört zu den modernen Paradiesen, dass man sie im Moment der Entdeckung eigentlich schon wieder verfehlt, wodurch wiederum diese romantische, unendliche Sehnsucht nach ihnen angestachelt wird.“

Daniel Voglhuber

Über Daniel Voglhuber

Redakteur bei der KURIER Freizeit. Er werkt dort seit Dezember 2020 und darf sich mit Reise, Kultur, Kulinarik und Lifestyle befassen. Also mit allem, was schön ist und Spaß macht. Er begann 2011 als Oberösterreich-Mitarbeiter in der KURIER-Chronik, später produzierte er lange unterschiedliche Regionalausgaben. Zuletzt war er stellvertretender Chronik-Ressortleiter.

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