Film

Mia Hansen-Løve: Einsame Komplizen

Alexandra Seibel

von Alexandra Seibel

Die französische Regisseurin Mia Hansen-Løve präsentierte ihren exzellenten Film „Bergman Island“ in Wien. Ein Gespräch über Beziehungen und deren dunkle Geheimnisse

Es gibt nicht nur eine „Harry Potter Tour“ in der Nähe von London, sondern auch eine „Bergman Safari“ auf der schwedischen Insel Fårö.

Ingmar Bergman, Schwedens berühmtester Regisseur, lebte und arbeitet über vierzig Jahre lang auf Fårö. Nach seinem Tod 2007 wurde sein Anwesen für Künstler und Künstlerinnen geöffnet, die dort an ihren Projekten arbeiten können. Zudem findet jährlich die „Bergman Woche“ mit prominenten Gästen statt, im Zuge dessen Bergman-Fans an der „Bergman Safari“ teilnehmen und die wichtigsten Bergman-Drehorte besuchen können.

Auch Mia Hansen-Løve war Gast auf Fårö – „und von da an nahm mein Filmprojekt Fahrt auf“, erzählt die französische Regisseurin, während ihres Viennale-Besuchs in Wien, im freizeit-Gespräch: „Drehorte sind für mich der Motor einer Geschichte.“

Wir befinden uns im Hotel Intercontinental, wo Mia Hansen-Løve animiert und mit Leidenschaft über ihren neuen Film „Bergman Island“ spricht, während ihre elfjährige Tochter im Hintergrund mit Zeichnen beschäftigt ist. Ihren einjährigen Sohn hat sie zu Hause gelassen.

Schon längst wollte die profilierte Regisseurin einen Film über ein Filmemacher-Paar drehen. In „Bergman Island“ (jetzt im Kino) verarbeitet die 40-jährige ihre langjährige (und mittlerweile beendete) Beziehung mit Regisseur Olivier Assayas („Carlos – Der Schakal“), mit dem sie auch ihre Tochter hat. In „Bergman Island“ beziehen Chris und Tony – kongenial gespielt von Vicky Krieps und Tim Roth – Bergmans Wohnhaus auf Fårö, um zu schreiben. Beide sind Filmemacher, allerdings ist er älter und berühmter als sie. Während er flott vorankommt, kämpft sie mit einer Schreibblockade.

Greta Gerwig fällt aus

Ursprünglich war US-Schauspielerin und Regisseurin Greta Gerwig („Francis Ha“) für die Rolle der Chris vorgesehen, doch fiel sie aus, um die Regie des US-Films „Little Women“ zu übernehmen.

Trotz Absage wendete sich alles zum Guten: „Ich glaube, die Besetzung der Hauptrolle mit Vicky Krieps brachte mir die Figur noch einmal näher“, so Hansen-Løve: „Ihre europäische Sensibilität und der Hauch von Melancholie, den sie mitbringt, macht sie umso mehr zu meinem Alter Ego.“

Tatsächlich kann man sich niemand anderen als die versonnene Vicky Krieps in der Rolle der jungen Filmemacherin vorstellen, die vis à vis des erfolgreichen Mannes ihre eigene Position sucht: „Der Film handelt nicht nur davon, wie sie sich von ihrem Partner künstlerisch emanzipiert, sondern auch, wie man mit Vorbildern wie Bergman umgeht. Es geht darum, die eigene Stimme zu finden.“

Die Auseinandersetzung mit Übervater Bergman nimmt teilweise recht unterhaltsame Formen an. So ist bekannt, dass Bergman neun Kinder mit fünf verschiedenen Frauen zeugte, was ihn keineswegs davon abhielt, ein enormes Werk von mehr als 50 Filmen zu schaffen.

Wie viele Windeln er in dieser Zeit gewechselt hat, lässt sich unschwer erraten.

Die Frage, ob Bergman ein großes Genie oder mindestens ein ebenso unsympathischer Macho war, zieht sich spielerisch durch den gesamten Film und befeuert die Frage nach der Balance zwischen künstlerischer Arbeit und Familienleben: „Ich habe den Eindruck, dass es Männern leichter fällt, ihre Kinder den Müttern zur Erziehung zu überlassen, damit sie sich ungestört ihrer kreativen Arbeit zuwenden können“, sinniert Hansen-Løve, deren Drehbuch übrigens vor Ausbruch der #MeToo-Debatte entstand: „Für Frauen stellt sich das meist komplizierter dar. Ich werfe sicher keinen moralisierenden Blick auf Bergmans Lebenswandel, sondern ich stelle mir die Frage: ,Wie kann ich als Künstlerin arbeiten, ohne Kompromisse machen zu müssen, und gleichzeitig meine Kinder aufziehen und den Alltag mit ihnen verbringen?’“

Mia Hansen-Løve.

©Viennale/Alexi Pelekanos

Enttäuschte erste Liebe

Dass in der Beziehung zwischen Chris und Tony in „Bergman Island“ nicht alles nur glatt läuft, deutet sich bald an. Allein die Tatsache, dass die beiden in dem Bett aus „Szenen einer Ehe“ schlafen, jenes Bergman-Drama, das „Millionen von Paaren zur Scheidung animierte“, wirft seine Schatten voraus.

Chris arbeitet an einem Film, in dem eine junge Frau bei der Wiederbegegnung mit ihrer ersten großen Liebe ihre Leidenschaft neu durchlebt. Gleichzeitig findet sie in Tonys Notizen pornografische Zeichnungen, die sie sichtlich überraschen: „Die beiden haben eine große Bindung und Liebe zueinander. Aber vielleicht sind sie an einem Ende angekommen und es fehlt ihnen an Leidenschaft. Es gibt da diese Spannung zwischen Komplizenschaft und Einsamkeit“, sagt Hansen-Løve.

Gleichzeitig gehe es auch darum, dem andern seine Geheimnisse zu lassen, aus denen er Kreativität schöpft: „Alles, was Chris in ihrem Leben vermisst, packt sie in den Film, an dem sie schreibt. Für mich ist das genauso. Meine Filme stehen in direktem Dialog zu meinem Leben.“

Die Schmerzen einer ungelebten ersten Liebe verhandelt Hansen-Løve als Film-im-Film, der auf einer Hochzeitsfeier zu dem bitteren ABBA-Song „The Winner Takes It All“ stattfindet: „Dieser Film-im Film steht in direkter Verbindung zu meinem Film ,Goodbye First Love‘ (2011), der ebenfalls von einer ersten Liebe und deren Desillusionierung handelt“, erzählt Mia Hansen-Løve: „Deswegen habe ich begonnen, Filme zu machen: Um die Wunden der Jugend in etwas Kreatives zu verwanden – um zu überleben und um nicht zu melancholisch zu werden.“

Alexandra Seibel

Über Alexandra Seibel

Alexandra Seibel schreibt über Film, wenn sie nicht gerade im Kino sitzt.

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