
Die Schlaghosen sind zurück, aber Männer kneifen noch
Nach dem Auftritt von Kendrick Lamar beim Superbowl wurde das Comeback der Schlaghose ausgerufen. Doch bei Männern hat sie einen schweren Stand.
Was war das für ein Super Bowl. Da wurde Taylor Swift auf der Tribüne ausgepfiffen. Ihr Herzblatt und American-Football-Champ Travis Michael Kelce erlebte am Rasen mit seinen Kansas City Chiefs ein Debakel. Und am Ende machten die in der Halbzeit-Show getragenen Schlaghosen von Rapper Kendrick Lamar die meisten Schlagzeilen. Die Retro-Beinkleider haben es geschafft, einem der größten Sportereignisse des Jahres die Show zu stehlen. Zumindest gefühlt.
Sogleich wurden große Fragen des Lebens gewälzt: Wird das der neue Trend? Die New York Times nahm die Mode-Lupe zur Hand und blickte nostalgisch auf die beginnenden 2000er-Jahre zurück – jene Zeit, als das Straßenbild von diesem Jeans-Schnitt dominiert wurde.
"Ob das nun ein Segen oder ein Fluch war, hängt davon ab, wen man fragt. Genauso wie die Frage, ob es eher Bootcut oder Schlaghosen waren", schrieb Fashionreporter Jacob Gallagher. Seine persönliche Einschätzung? "Ich würde sie eher als Woodstock-angehauchte Schlaghosen bezeichnen. Der Schlag war ziemlich weit."
Trug Kendrick Lamar Schlaghose oder Bootcut-Jeans?
Wer über modische Besonderheiten debattieren will, braucht das theoretische Rüstzeug. Also, aufgepasst: Schlaghosen beginnen bereits ab dem Knie an Weite zuzulegen. Bootcut-Hosen hingegen sind die dezenteren Cousinen: Sie werden vom Knie abwärts nur so viel weiter, dass ein Paar Stiefel gemütlich darunter Platz findet. Daher auch der Name. Heißt also: Jede Schlaghose ist Bootcut, aber nicht jede Bootcut-Hose ist eine Schlaghose.
Ihren Ursprung haben diese Hosenformen bei den europäischen Handwerkern. Um die Schuhe und Füße vor Spänen und ähnlichem zu schützen, trugen Tischler und Zimmerleute Kleidung, die schon sehr den Glockenhosen der 1970er ähnelte. Ab und zu ist das auch noch heute bei Handwerkern auf der Walz – nebst Schlapphut, Zylinder, Gilet oder Wanderstock – zu bewundern. Aber da macht niemand so ein Theater wie bei Kendrick Lamar.

Handwerker auf der Walz haben auch heute noch weit ausgestellte Glockenhosen an
©IMAGO/Funke Foto Services/RainerxRaffalski/imagoModische Pioniere sind auch bei der Marine zu finden. Auf englischen bzw. amerikanischen Schiffen tauchten die ausgestellten Hosen im 19. Jahrhundert auf. Manche sehen darin eine Variation der traditionellen Pantalons, ein modisches Extra, das den Matrosen von ihren zivilen Gegenstücken abheben sollte.
Darum trugen Matrosen Schlaghosen
Die praktischere Experten-Fraktion argumentiert: Die ausladenden Hosenbeine ließen sich schnell hochkrempeln – perfekt, um sich nicht an der Takelage zu verheddern oder auf dem nassen Deck den Halt zu verlieren. Andere vermuten eine clevere Anti-Nässe-Taktik: Durch den weiten Schnitt trocknete die Hose schneller und klebte nicht unangenehm auf der Haut.
Bei einem Sturz über Bord konnte die Hose – sogar mit Schuhen – schnell ausgezogen werden. Die Beine wurden dann zu einem Knoten gebunden und über den Kopf gezogen, sodass die aufgeblasene Hose im Wasser als Rettungsring fungierte.

Matrosen - wie hier am Times Square 1944 trugen oft Schlaghosen
©IMAGO/Bridgeman ImagesCowboys und Sheriffs im Wilden Westen setzten ebenfalls aus praktischen Gründen auf Bootcut. Was ein Symbol des Systems und ruppiger Staatlichkeit war, wurde in den 1960ern zum Symbol des Nonkonformismus. Hippies verwendeten gerne alte Armeekleidung und peppten diese mit bunten Blumen auf. Und wie so oft findet die Massenkultur an der Subkultur gefallen. Sonny und Cher etwa machten die weit ausgestellten Glockenhosen salonfähig.
Vom seriösen Anzug zu den Ravern bis Britney Spears
In den Siebzigern trugen dann selbst seriöse Herren Anzüge mit Schlaghosen – ein Schlag in die modische Magengrube. Dann verschwand der Stil für ein paar Jahre wieder in der Versenkung.
Nachdem Techno – besonders seine schlimmen Verwandten – zum Massenphänomen wurde, entdeckten die Raver in der zweiten Hälfte der Neunziger weite Schlaghosen für sich, die sich über Plateauschuhe legten. Aus Polyester und in grellen Farben. Eine Uniform für Großraves und Großraumdisco. Immerhin hieß es, Raver wären die neuen Hippies.
Ende der 90er, Anfang der 2000er, waren sie dann meist etwas für die Mädchen. Zum bauchfreien Leiberl, der Trainingsjacke oder sichtbaren Stringtanga trugen sie Hüfthosen, die unten ausgestellt waren. Britney Spears und Christina Aguilera haben es vorgemacht.
Sind Harry Styles und Timothée Chalamet Trendsetter?
Regelmäßig heißt es, sie kommen auch bei den Herren wieder. Immerhin gäbe es doch ausgemachte Trendsetter; Lenny Kravitz, Harry Styles, Timothée Chalamet. Sie alle würden der Schlaghose neue Flügel verleihen. Hieß es. Aber nix da.
Bei den Herren kam sie zuletzt nicht an. Warum eigentlich? Weil sie doch nicht so lässig sind? Weil es Männern an Mut fehlt? Durchaus möglich. Oder einfach weil die – zumindest weit ausgestellten – Hosen einigermaßen unpraktisch sind und bei Regen und Dreck sofort den ganzen Schmutz aufnehmen.
Ja, selbst die traditionsbewusste britische Marine hat sich davon verabschiedet. Sie verbannte die Schlaghosen im Jahr 2015 und setzte auf Cargohosen. Nicht alle waren erfreut; einige weinten der Oldschool-Uniform nach. Da musste, wie The Independent schrieb, das Verteidigungsministerium vorpreschen und die neuen Uniformen als "bequem zu tragen" und "cool" anpreisen.
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