Die wilden Frisuren der Politiker: Was steckt dahinter?

Abenteuer am Kopf: Nicht nur der neu gewählte argentinische Präsident fällt mit seiner schrägen Mähne auf.

Es war nicht nur die Woche der Populisten, sondern auch die der auffälligen Frisuren. Erst gewann Javier Milei die Stichwahl in Argentinien, dann triumphierte Geert Wilders in den Niederlanden.

Was sie eint? Eine rechtsgerichtete Politik – und Haare, die über Landesgrenzen hinweg für Schlagzeilen sorgen. An Wilders zurückgekämmten, mit Wasserstoff blondiertem Turmbau hat man sich in den vergangenen Jahren schon gewöhnt, der Argentinier Milei aber lieferte ein optisches Novum: Die Kombination aus Siebzigerjahrekoteletten und wild wucherndem Haupthaar weckte Assoziationen von Austin Powers bis Andy Borg – und wirft die Frage auf, ob der Libertäre mit seiner Matte auch eine Botschaft verschickt.

Fans nennen Javier Milei wegen seines dichten Schopfs „Peluca“ – die Perücke

©EPA/Juan Ignacio Roncoroni

Anarchie am Kopf

Kommentatoren orten im ungebändigten Haupthaar des exzentrischen 53-Jährigen eine „Ode an die Freiheit“ (Welt), einen haargewordenen Triumph des Individualismus über uniforme Yuppies mit akkurater Gelfrisur. „Natürlich ist diese wilde ‚Nicht-Frisur’ eine bewusste politische Botschaft“, sagt die österreichische Politik- und Imageberaterin Heidi Glück. „Nämlich: Ich bin anders als die anderen und mache auch alles anders, alles neu. Mit seiner Inszenierung schafft er Aufmerksamkeit, erzeugt Neugier und vervielfacht seine Botschaften von Freiheit.“

Als Präsident gab Donald Trump pro Jahr 70.000 Dollar für seine Frisur aus. Bald wieder? 

©REUTERS/REUTERS/TOM BRENNER

Die Frisur als Transporteur von Botschaften sei bei Männern zwar noch selten. Dennoch fielen in den vergangenen Jahren immer häufiger Politiker durch ihr Kopfhaar auf. Der Psychotherapeut Klaus Ottomeyer schrieb bereits vor fünfzehn Jahren eine Analyse über den dauergestylten Finanzminister Karl-Heinz Grasser und die neue „Marke Ich“ in der Politik, die später von Sebastian Kurz und Gernot Blümel fortgeführt wurde. Bildungsminister Polaschek musste zu seiner – für ÖVP-Politiker unüblichen – Langhaarfrisur sogar in der „ZiB2“ Stellung beziehen. Kein Wunder, sagt die Stilberaterin Bettina Kohlweiss: „Bei Männern, die berufsbedingt dunklen Anzug tragen, kommt der Frisur eine besondere Rolle zu. Denn damit können sie auch bei einem einschränkenden Dresscode Persönlichkeit zeigen.“

Blonde Populisten

Silvio Berlusconi, langjähriger italienischer Ministerpräsident, signalisierte mit brauner Tönung und aufwendiger Haartransplantation bis ins hohe Alter Jugend und Vitalität. Ungezähmter ging es bei Trump und Johnson zu: Das blonde Duo sorgte an den jeweiligen Regierungsspitzen nicht nur politisch, sondern auch optisch für Wirbel.

Mit frisch gebleichter „Gnackmattn“ gewann Geert Wilders die Wahl in den Niederlanden

©REUTERS/REUTERS/Tobias Schwarz

Ein Zufall? Nicht wirklich, sagt Kommunikationsexpertin Glück. „Bei Populisten haben Präsentation, Inszenierung und die Ego-Show einen hohen Stellenwert“, analysiert sie. „,Schein vor Sein’ ist für diese Typen, die sich als Problemlöser für alles darstellen, ein wesentliches Moment. Gemeinsam ist ihnen, dass sie das Anderssein optisch mitversenden.“

So wie Milei, der sich schon mal mit abgewetzter Lederjacke und Kettensäge inszeniert. „Er zelebriert Politik als Show – mit ihm als Zirkuspferd“, sagt Glück. Kämmen würde er sich nie, beteuerte der designierte Präsident einst in einer Talkshow. Der „Gott des Windes“ style ihm die Haare: Er würde einfach morgens im fahrenden Auto die Fenster aufmachen. Mehr Freiheit geht nicht.

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