Tinder-Match: Lass uns lieber telefonieren!

Diesmal in "Liebesgeflüster": Wie lernt man heute als Single Anfang zwanzig neue Leute kennen? Richtig, man tindert.

Zumindest gilt das für amerikanische Großstädte, und dank der mir als Gen-Z-Kind in die Wiege gelegten FOMO (Fear of Missing Out) tindere ich jetzt auch. Mit den Tipps und Geschichten meiner tindererfahrenen und -traumatisierten Freundinnen im Gepäck war ich mir eigentlich recht sicher, dass mich kaum etwas überraschen könnte.

Und dann matchte ich mit Tyler: ebenfalls Anfang zwanzig, wirklich fesch, ganz ohne Ex-Freundinnen-Fotos und pseudo-professionelle, halbnackerte Selfies vor dem Badezimmerspiegel am Profil. Kurz gesagt, quasi ein Tinder-Wunder. Statt den Mann allerdings vom Fleck weg zu heiraten, schickte ich ein freundlich-unverbindliches „Hallo!“ und blätterte durch meinen geistigen Katalog an möglichen Gesprächsverläufen. Die Antwort, die wenig später auf meinem Bildschirm aufschien, hätte ich allerdings nicht erwartet.

Trotzdem werde ich wohl auch in Zukunft zum Kennenlernen nicht zum Telefon greifen. Zumindest solange nicht, bis Tyler’s Fähigkeiten zur entspannten Gesprächsführung auf mich abgefärbt haben. Nur gut, dass wir uns in Zukunft öfter sehen werden!

„Du, ich sag’s gleich: Ich telefonier lieber statt zu schreiben. Da kriegt man schneller ein Gefühl für die Vibes und ob das zwischen uns passt.“ 

„Du, ich sag’s gleich: Ich telefonier lieber statt zu schreiben,“ stand da, „Da kriegt man schneller ein Gefühl für die Vibes und ob das zwischen uns passt.“ 

Falls diese Idee bei dir ein simples „Oh, wie nett!“ ausgelöst hätte, bist du vermutlich entweder älter, oder aber einfach cooler, als ich. Ich hasse telefonieren. Wenn ich ein unangenehmes Gespräch mit einseitigen Fragen führen möchte, gehe ich zum Zahnarzt, und den Rest der Zeit pflege ich ein inniges Naheverhältnis mit WhatsApp, UberEats und allen anderen Apps, die Telefonphobikern wie mir das Leben erleichtern.

Weil ich aber ebenso wenig nein-sagen wie telefonieren kann, postete ich meine Telefonnummer in den Chat und wir verabredeten uns für den Abend zum Telefonat. Das gab mir exakt 8 Stunden und 32 Minuten, um nervös das Internet zu wälzen („Siri, such Tipps fürs Telefonieren“), meine beste Freundin anzurufen („Falls es ganz schlimm ist, kannst du immer noch die Telefonnummer wechseln, ghosten ist voll in!“), und mir eine Reihe Fragen für unangenehme Momente auszudenken („Hast du Haustiere?“ „Müssen wir dann in Zukunft immer telefonieren?“). Dann griff ich um 18 Uhr mit schwitzenden Händen zum Telefon.

Nach einer mir hochgradig unangenehmen Begrüßung („Hallo, Emily, nein, Tyler, von Tinder, ich Emily, hallo“) klappte ich den Mund zu und beschloss, Tyler die Gesprächsführung zu überlassen. Und was für eine Gesprächsführung das war! Erstens hatte Tyler hatte eine wunderbar angenehme Stimme. Zweitens war er ein Großmeister in der hohen Kunst des Telefonierens. Er stellte die richtigen Fragen, um Gesprächspausen zu überspielen, er erzählte nicht zu viel und nicht zu wenig von sich selbst, er hörte mir zu und reagierte genau an den richtigen Stellen, ohne mich zu unterbrechen. Sogar das Ende des Gesprächs funktionierte ganz ohne dem typischen, von einem „Na dann …“ eingeleiteten, mehrteiligen Verabschiedungsprozess. Ein wahrer Telefon-Traum. Muss ich noch erwähnen, dass die Vibes gestimmt haben? 

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Liebesgeflüster

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