Ein sinnlicher Dezember: Wie Sex-Adventkalender hip geworden sind

Julia Pfligl

von Julia Pfligl

Adventkalender für Erwachsene boomen. Einst verrucht, ist durch die Eintönigkeit der Lockdowns vor allem die Nachfrage nach erotischen Überraschungen extrem gestiegen.

Vor zweihundert Jahren entstand mit dem Adventkalender eines der beliebtesten Rituale in der Vorweihnachtszeit. Aus der einstigen kreativen Wartezeitverkürzung für Kinder ist längst ein lukratives Geschäftsmodell geworden, das alle Altersklassen und Vorlieben abdeckt. Aus der Fülle an Adventkalendern – von Gin über Yogaübungen bis Hundeleckerlis und Kosmetikartikel – hat sich in den vergangenen sieben Jahren vor allem ein großer Trend etabliert: der Erotik-Adventkalender.

Hinter den 24 Türchen verbergen sich dann keine Süßigkeiten oder Weihnachtsbildchen, sondern Mini-Vibratoren, Gleitgel oder Lingerie. Die Artikel sind meist kleiner als die herkömmliche Ware und als Kaufanreiz für zufriedene Kunden gedacht – zudem dienen sie den Herstellern als eine Art Marktforschung, um neue Produkte auf ihre Massentauglichkeit zu testen.

Weg vom Schmuddelimage

Ein Erfolgskonzept, wie ein Blick auf das Vergleichsportal Mein-Adventskalender.de zeigt: Dort werden für 2021 neunzehn Erotik-Artikel von verschiedenen Herstellern gelistet. Die meisten enthalten Sextoys, andere Inspiration für das Liebesspiel, Kondome (ja, auch die Firma Durex führt einen eigenen Adventkalender) oder Bondage-Produkte für Fans von Fifty Shades of Grey.

Solche finden sich auch im heurigen Adventkalender des Online-Sex-Shop Amorelie, der den Trend 2013 angestoßen hat. Mehr als eine halbe Million Menschen haben das Produkt seitdem gekauft, Lifestyle-Influencer lieben die hübschen Boxen mit den kleinen Geschenken. Die genauen Verkaufszahlen hält das Unternehmen geheim, die Nachfrage nach Sexspielzeug sei durch die Kontaktbeschränkungen im Lockdown aber enorm gestiegen, heißt es auf KURIER-Nachfrage.

Auch der Erotik-Händler Eis.de verkaufte im Pandemie-Herbst 2020 doppelt so viele Adventkalender wie 2019 und war Ende November ausverkauft. Die Pandemie schlägt sich heuer auch im Inneren des Amorelie-Kalenders nieder, wo sich als Zeichen des Zeitgeistes erstmals ein „Remote Toy“ befindet, das per Fernbedienung oder App gesteuert wird.

Beziehungspflege

„Amorelie hat es vor allem auch mit den Adventkalendern geschafft, die Produktkategorie Lovetoys & Co. aus einer anrüchigen Ecke zu holen und zu einem hippen Lifestyle-Produkt zu wandeln“, analysiert Markus Land von Mein-Adventskalender.de. „Es wäre 2015 noch undenkbar gewesen, dass es einmal Erotik-Adventkalender bei dm oder Lidl gibt. Heute ist das normal.“

Sexy Adventkalender

Amorelie
Heuer  u. a. mit Remote-Sexspielzeug, Analplug, Badeschwamm mit Vibration, BDSM-Toys, Masturbationsei, Kartenspiel.  Die Basis-Variante kostet am Black Friday 79,90 € statt 109,90 €,  Produktwert 410 €. amorelie.at

Eis
Der Eis Deluxe Adventkalender enthält u. a. zwei „Satisfyer Toys“, Marken-Dessous und eine kleine Peitsche.
Der Warenwert beträgt 650 €.
Erhältlich um 59,99 € via eis.at

Kamasutra
Hinter jedem Türchen versteckt sich eine neue Sex-Stellung. Erhältlich um 12,95 € via etsy.com 

Ein Eindruck, den die Tiroler Sexualpsychologin Daniela Renn teilt. Einige ihrer Klientinnen und Klienten seien durch Sex-Adventkalender  auf neue Ideen gekommen und hätten so ihr Liebesleben aufgepeppt. „Nähe ist durch die Covid-Rahmenbedingungen etwas Besonderes geworden. In der Adventzeit erotisches Spielzeug zu schenken, kann die Beziehungsqualität fördern – allerdings nur, wenn beide Partner experimentierfreudig sind.“

Dass der Satz „Mir egal, wie alt ich bin, ich will einen Adventkalender“ durch die sozialen Medien geistert und Erwachsenenkalender boomen, wundert die Psychologin nicht. „Es geht darum, ein wenig Kind sein zu dürfen und an das Wunderbare glauben zu können. Nach dem Motto: Am Ende ist alles gut … und wenn es noch nicht gut ist, ist es noch nicht das Ende.“

Laut Advent-Experte Land stehen die nächsten Kalender-Trends schon ante portas: Hanf-Kalender und so genannte Escape-Kalender könnten den Sex-Kalendern schon bald den Rang ablaufen.

Julia Pfligl

Über Julia Pfligl

Seit 2014 beim KURIER, Ressort Lebensart

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