Oldschool: So geht Blind Dating im Jahr 2022

Schluss mit oberflächlichem Durchswipen. Nun sollen auch beim Online-Dating endlich wieder die inneren Werte überzeugen.

Sie sind eine alte und von vielen vermutlich eher wenig vermisste Methode, jemanden Neues kennenzulernen. Glaubt man dem Klischee, wurden sie für gewöhnlich von einer besorgten Verwandten oder einem wohlwollenden Freund initiiert. Und wenn sie schief gingen, hatte man zumindest eine lustige (oder unangenehme) Anekdote zu berichten: Die Rede ist von Blind Dates.

Die Suche nach dem oder der Richtigen ändert sich unentwegt. Die Generation Z (zwischen 1997 und 2012 geboren) scheint nun genug von der Oberflächlichkeit des klassischen Online-Datings zu haben und sehnt sich nach mehr Authentizität in der Liebe.

Laut einer aktuellen Umfrage der Dating-App Tinder ist gutes Aussehen nur rund jeder fünften befragten Person zwischen 18 und 24 wichtig. Stattdessen zählt für 51 Prozent von ihnen Humor zu den wichtigsten Eigenschaften.

"Aussehen zur sehr an Bedeutung gewonnen“

Diese Entwicklung begrüßt Singlecoach Eva Fischer. Sie findet es "sehr gut, dass die Offenheit gegenüber anderen Werten wieder mehr ins Zentrum rückt. Das Aussehen hat zu sehr an Bedeutung gewonnen.“

Die Vorteile des Blind Datings seien, dass man "selbst überprüfen kann, wie oberflächlich man eigentlich ist. Wir bilden uns ein, alles aus Bildern herauslesen zu können, aber berücksichtigen meistens nicht, dass die Person dabei in einer bestimmten Stimmung war. Sprich wenn jemand kamerascheu ist – wir bemerken das ja sofort – dann kommt uns die Person nicht selbstbewusst vor. Das ist ein großer Fehler, weil die Person nicht mich in dem Moment angeschaut hat, sondern eine Kamera. Davon lassen sich viele verunsichern, weil sie die Situation falsch einschätzen.

Ein weiterer Vorteil von Blind Dates ist natürlich der Überraschungseffekt. Fischer: "Natürlich kann es schiefgehen, aber es kann auch ein Date total schiefgehen, bei dem man sich davor dachte 'Wow! Sieht super aus' und dann macht er oder sie den Mund auf und man denkt sich 'Hm, naja.'"

Unvoreingenommen

Das Aussehen ist uns also – vor allem in Zeiten von Online-Dating – zu wichtig geworden. Nun sehnen sich viele wieder vermehrt danach, nach den inneren Werten und weniger nach optischen Merkmalen zu entscheiden, so Fischer. Vor allem junge Menschen wollen neue Leute auch ohne Hilfe ihres Smartphones kennenlernen – oder zumindest nicht mehr von äußeren Eindrücken geblendet werden.

"Es ist gut, dass eine Gegenbewegung startet. Dass man bemerkt, dass das eigene Urteil gar nicht so gut ist, wie ich mir das eingebildet habe und wir mal auf andere Kriterien schauen", erzählt Fischer.

Und weil Dating im Jahr 2022  – und inmitten einer Pandemie – doch nicht mehr völlig analog funktioniert, hat Tinder die Dating-Wünsche der Gen Z nun in einem neuen Feature in der App verpackt. Im "Fast Chat: Blind Date“ tauschen sich Userinnen und User bald unvoreingenommen aus, bevor sie überhaupt das Profil des oder der jeweils Anderen sehen. Die Unterhaltung und nicht die Fotos oder Profilangaben sollen den ersten Eindruck vermitteln.

Suche nach Gemeinsamkeiten

Die Tinder-Mitglieder beantworten dafür ein paar Fragen zum Kennenlernen und werden dann auf Grundlage ihrer Gemeinsamkeiten in Matches zusammengewürfelt. Danach folgt ein zeitlich begrenzter Chat mit einer Person, von der jeweils nur ihre Antworten auf Multiple-Choice-Fragen bekannt sind.

So etwa: "Es ist in Ordnung, ein Hemd __  zu tragen, ohne es zu waschen“ oder "Ich gebe Ketchup auf _“. Sobald die Zeit abgelaufen ist, können beide Singles ein Like abgeben. Erst wenn sie sich für ein Match entscheiden, werden die Profile und Fotos dem Gegenüber offenbart.

"Wir alle kennen aus Filmklassikern oder Serien diese Mischung aus Vorfreude und Aufregung, die ein Blind Date mit sich bringen kann. Mit unserer Blind-Date-Funktion ermöglichen wir diese Erfahrung auch der jungen Generation", erklärt Kyle Miller, VP of Product Innovation bei Tinder.

"Es ist etwas ganz Besonderes, mit der Persönlichkeit eines Menschen ins Gespräch zukommen, noch bevor man ein tatsächliches Bild vor Augen hat. Das neue Blind-Date-Erlebnis bietet eine frische und überraschende Art der Interaktion und des Kennenlernens, die völlig neu für Tinder ist." 

40 Prozent mehr Matches

Und es scheint zu funktionieren: Erste Tests des neuen Tinder-Features erzielten rund 40 Prozent mehr Übereinstimmungen als bei normalem Gebrauch. Die Nutzerinnen und Nutzer scheinen also bereit, mit jemanden zu interagieren und zu matchen, den sie unter anderen Umständen eher nach links geswiped oder übersehen hätten.

Mit Neuheiten in der Online-Dating-Welt ist aber Tinder keineswegs alleine. Auf der Dating-App BlindMate feiert ein ähnlicher sozialer Aspekt ein Revival. Hier wird dem Freundeskreis die Partnerauswahl überlassen. Es wird zwar wie bei gewöhnlichen Dating-Apps kräftig geswiped – jedoch eben nicht von den möglichen Dating-Partnern.

Zum Match kommt es, wenn die Freundinnen und Freunde von zwei Personen der Meinung sind, dass zwei Personen gut zusammenpassen würden. Dann übernehmen wieder die zu verkuppelnden Personen das Ruder. Je länger zwei Personen miteinander chatten, umso mehr offenbart sich das Profil des Gegenübers.

Love is Blind

Blind Dating der anderen Art gibt es derzeit auch bei "Love is blind“ auf Netflix zu sehen. Seit 11. Februar sind die ersten Folgen der zweiten Staffel zu sehen. In dem beliebten Kuppel-Format lernen sich Menschen zuerst nur durch Gespräche kennen, ohne einander zu sehen. Anhand ihres Charakters entscheiden sie, ob sie ihr Perfect Match gefunden haben. Im Finale der ersten Staffel wurde schließlich sogar geheiratet.

Es muss nicht gleich der Partner oder die Partnerin fürs Leben sein. Doch für all jene, die Blind Dates auch in analoger Form eine Chance geben möchten, hat Eva Fischer passende Tipps: "Ich würde ein Blind Date kurz halten und mich nicht gleich zum Drei-Gänge-Dinner verabreden." Auch vorher die Stimme des oder der Anderen zu hören, sei sehr hilfreich. "Wenn man sich am Telefon nichts zu sagen hat, kann man das Treffen ja nochmal überdenken.“

Über Elisabeth Kröpfl

Seit 2021 beim KURIER, Ressort Lebensart

Kommentare