Amuse-Gueule beim Sex: So wichtig ist das Vorspiel

Gabriele Kuhn

von Gabriele Kuhn

Nur wenige beherrschen die Kunst der Einstimmung vor dem Akt. Zeit, Hingabe, Einfühlungsvermögen sind zentrale Zutaten.

Schon länger her, dieser erfrischende Abend, an dem vier Damen ins Plaudern kamen – zum Thema „Vorspiel“. Am Ende kristallisierten sich vier Typen heraus: 1. Typ „Rambo“, der mit brachialem Engagement Geilheit inszenieren möchte, wie eine Maschine, atemlos, fast automatisiert. Als wäre er ein Handwerker, der Schritt für Schritt die Rohrverlegung vorbereitet. 2. Typ „Puh, keine Ahnung …“. Das sind die, die ratlos am weiblichen Genital herumzupfen, wobei spürbar wird, dass dieser Mann keine Ahnung hat, woran und worin er da fummelt. Und da er auch nicht weiß, wie so eine Klitoris funktioniert, glaubt er tatsächlich, sein gepflegtes „Fingerln“ (ein herrlich Wienerischer Ausdruck, der das Prinzip Finger rein, Finger raus hübsch beschreibt) würde Ekstase erzeugen. 3. Typ „Zackzackzack“ (sehr häufig!): Diesem Mann geht’s im Grunde nur um sich und seinen Spaß. Was, sie ist noch nicht richtig feucht? Wurscht, wird schon. Also wird maximal kurz Hand angelegt in einer Art Pseudo-Aktion, dann aber: geht scho, gemma, rein ins Vergnügen. Eigentlich sollten diese Herren bestraft werden, indem man aufsteht, sich anzieht und sie mit ihrer Erektion allein lässt, Motto: Wurscht, wird schon. Aber nicht mit mir. Ja, und dann wäre der Glücksfall, Typ 4 nämlich (leider eher selten): Der Kenner und Könner. Das ist der, der es tatsächlich begriffen hat, dass es ums Spielerische geht, um das Einlassen auf den Körper der Partnerin, um ein Geben, das durchaus langatmig, aber nicht langweilig werden kann. Er geht dabei intuitiv, aber nicht unwissend vor, vor allem aber dehnt er die Zeit. Für ihn ist das Vorspiel das Amuse-Gueule im Rahmen eines mehrgängigen Menüs. Kostbar Auszukostendes.

Reiben, rauf, runter, rauf, runter

„Langsam zu sein beim Liebemachen ist ganz wesentlich. Unsere Energien werden allmählich zum Leben erweckt und wir stimmen uns auch erst allmählich aufeinander ein. Die natürliche Anziehung darf sich einfach entwickeln, und das macht einen großen Unterschied“, schreibt Diana Richardson in ihrem Buch „Zeit für Liebe: Sex, Intimität und Ekstase in Beziehungen“. Aus ihrer Sicht sollte das Vorspiel liebevoll und sanft sein, aber keine ernste Angelegenheit mit einem bestimmten Ziel im Hinterkopf, als würde man einer Gebrauchsanweisung folgen. Aber genau daran hakt es oft, viele Männer folgen einem inneren Drehbuch, das sie sich irgendwann einmal angeeignet haben und dann unabänderlich scheint. Ihr Ziel ist es häufig, in relativ kurzer Zeit maximale Erregung aufzubauen, vordringlich zu sein, mit dem Ziel, endlich an das eigene Ziel zu gelangen. Dabei könnte das Vorspiel eine Entdeckungsreise erogener Zonen sein, die sexuelle Lebensgeister erweckt. Aus Sicht Richardsons ist es hilfreich, mehr als Beobachter zu agieren: Was tut meine Berührung mit der Körperenergie meiner Partnerin – löst sie Anspannung oder Entspannung aus, Ausdehnung oder womöglich Einengung?

Doch was für Männer gilt, gilt letztendlich auch für Frauen, die mitunter ebenfalls mit mangelnder Fantasie ausgestattet sind und stets auf gleiche Weise Hand anlegen, um ihn anzuturnen: reiben, rauf, runter, rauf, runter. Ob das wirklich klug ist? „Bei solchen masturbationsähnlichen Bewegungen fühlt der Penis einen unausgesprochenen Druck und eine Forderung nach Erektion, und das macht es manchmal schwer, sie zu bekommen“, schreibt Richardson. Was sie stattdessen vorschlägt: den Penis ohne Eile zu liebkosen, ohne Absicht, ohne Fordern. So könne sexuelle Energie miteinander geteilt werden und der Penis spürt auf wundersame Weise „Interesse“.

Gabriele Kuhn

Über Gabriele Kuhn

Seit 1995 an Bord des KURIER - erst 14 aufregende Jahre lang als Ressorleiter-Stv. im Freizeit-Magazin, dann als Leiterin des Ressorts Lebensart. Seit 2017 Autorin. Kolumnistin. Interessens- und Know-How-Schwerpunkte: Medizin, Lifestyle, Gesundheit. Und Erotik. Die ironische Kolumne "Sex in der Freizeit" gibt es seit 2002. Damit's nicht fad wird, schreibe ich seit Anfang 2012 die Paar-Kolumne "Paaradox" gemeinsam mit Ehemann und Journalist Michael Hufnagl. 2014 wurde Paaradox zum Lesekabarett - mit Auftritten im Rabenhof und auf vielen Bühnen Ostösterreichs.

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