
Mehr als nur fett: Gewichtszunahme beginnt im Gehirn
Übergewicht wird oft mit Disziplinlosigkeit gleichgesetzt. Adipositas hat aber tiefere Ursachen – und beginnt bereits im Gehirn.
Wie heißt es so schön: „Abnehmen fängt im Kopf an.“ Mittlerweile weiß man: Zunehmen auch. Denn aktuelle Forschungen zeigen, dass Übergewicht und Adipositas im Gehirn ihren Ursprung haben und das noch lange bevor sich die zusätzlichen Kilos am Körper zeigen.
Aber von vorn: Knapp ein Drittel der Menschen über 15 Jahre in Österreich sind übergewichtig, 17 Prozent sogar adipös. Gesellschaftlich wird der Zustand dieser Menschen leider noch immer stigmatisiert, medizinisch gesehen ist man hier zumindest auf Forschungsebene etwas weiter. Gerade in den letzten Jahren wurde Adipositas als Erkrankung auch für die Wissenschaft interessanter. Man weiß, dass das Körperfett alleine noch nicht das ganze Krankheitsbild ausmacht. Die gängigen Folgeerscheinungen von Typ2-Diabetes über Herz- und Kreislauferkrankungen bis in zu einem erhöhten Demenzrisiko sind hinlänglich bekannt. Nur die Gründe für die übermäßige Kalorienzufuhr sind teilweise noch undurchsichtig.
Meist sehen sich Betroffene mit Vorwürfen der mangelnden Disziplin und Faulheit konfrontiert. Aber ist die fehlende Willenskraft allein wirklich die Lösung allen Übels? Nein, auch wenn ein Mangel an Motivation durchaus ein Symptom ist, wenn auch medizinischer Natur.
Signale ans Gehirn
Übergewicht beeinflusst auch das Gehirn: Stoffwechselstörungen wie Insulinresistenz können dafür sorgen, dass es Sättigungssignale falsch verarbeitet – man isst weiter, obwohl man satt ist. Gleichzeitig verändert sich das Belohnungssystem, es wird weniger Dopamin ausgeschüttet. Wer oft fett- und zuckerreich isst, riskiert so Antriebslosigkeit, Leistungsabfall und langfristig sogar Probleme beim Lernen und Denken.
Abnehmspritzen
Therapien gegen Adipositas
Ozempic, Mounjaro & Co.: „Abnehmspritzen“ sind derzeit stark auf dem Vormarsch. Ursprünglich als Typ-2-Diabetes-Therapie gedacht, erzielen sie auch bei Adipositas beachtliche Erfolge. Sie ahmen das Hormon GLP-1 nach und setzen direkt bei der gestörten Kommunikation zwischen Körper und Gehirn an. Ein Umstand, der laut Expertinnen und Experten auch bei der Entwicklung von künftigen Therapieansätzen beachtet werden muss. Nur so ist eine umfassende und individuelle Behandlung der Betroffenen möglich.
Eine Studie des Universitätsklinikums Tübingen, von Helmholtz Munich und dem Deutschen Zentrum für Diabetesforschung zeigt: Schon fünf Tage mit fettigem, zuckerhaltigem und kalorienreichem Essen reichen, um die Insulinempfindlichkeit im Gehirn zu stören. Das Hormon, das eigentlich die Nahrungsaufnahme drosseln soll, wirkt dann nicht mehr – das Gehirn verhält sich wie bei Adipositas. Erschreckend: Selbst eine Woche nach dem Test war die Störung noch messbar. Die Veränderungen setzen also lange vor einer Gewichtszunahme ein und können Adipositas sowie Typ-2-Diabetes begünstigen. Erkenntnisse, die Einfluss auf künftige Forschungen und Therapiemöglichkeiten haben können (siehe Kasten). Die Studie wurde übrigens nur mit Männern durchgeführt, da der weibliche Menstruationszyklus Ergebnisse verfälschen hätte können. In Zukunft sollen die gewonnenen Erkenntnisse, aber auch mit Frauen überprüft werden. Adipositas ist also weit mehr als nur Fettgewebe. Für eine erfolgreiche Bekämpfung muss immer auch die Körper-Hirn-Achse mitgedacht werden.
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