Kritik

"The Shrink Next Door": Wenn der Therapeut zum Parasiten wird

Nina Oberbucher

von Nina Oberbucher

Die neue Serie auf AppleTV+ handelt von einem Psychologen, der seinen Patienten über Jahre manipulierte.

Schon ein Sandwich zu bestellen, stellt den unsicheren Marty (ein ruhiger Will Ferrell) vor große Schwierigkeiten: Roastbeef? Oder doch Truthahn? Sein neuer Therapeut Isaac „Ike“ Herschkopf (gespielt vom frisch gekürten Sexiest Man Alive Paul Rudd) schafft Abhilfe – und leider noch vieles andere.

„The Shrink Next Door“ (ab heute, Freitag bei AppleTV+ zu sehen) erzählt die wahre Geschichte eines Mannes, der über fast drei Jahrzehnte hinweg von seinem Therapeuten ausgenutzt wurde. Dazu gibt es auch einen gleichnamigen Podcast.

Zunächst scheinen Ikes Methoden einfach ein wenig unkonventionell: Er umarmt seine Patienten, geht mit ihnen essen. Doch langsam nistet er sich wie ein Parasit in Martys Leben ein und lässt sich nicht mehr vertreiben. Während der gutgläubige wie finanzkräftige Marty teure Dinnerabende und edle Möbelstücke spendiert, kapselt Ike seinen Patienten von seinem Umfeld ab: Vor allem Martys misstrauische Schwester Phyllis (wie immer wunderbar: Kathryn Hahn) ist ihm ein Dorn im Auge. Erfolgreich pflanzt der manipulative Therapeut Marty den Gedanken ein, Phyllis wolle ihm nur schaden und er müsse sie aus seinem Leben verbannen.

Die Serie kommt als Comedy daher, ist aber in Wahrheit eine tragische Geschichte. Dass Marty nach dem Tod seines Vaters jemanden sucht, an dem er sich orientieren kann, erscheint verständlich. Seine Eltern haben ihn so sehr behütet und verhätschelt, dass er nicht auf eigenen Beinen stehen kann. Alarmglocken fürs Zwischenmenschliche funktionieren bei ihm nicht.

Ike wiederum ist kein böser Mensch und zunächst scheint er Marty wirklich zu helfen: Das mit der Sandwichbestellung klappt dann doch ganz gut. Doch in Wahrheit geht es ab da nur noch bergab. Für die Zuseher kann es dadurch mitunter etwas eintönig werden: Folge um Folge denkt sich Ike neue Wege aus, seine persönliche Cashcow zu melken. Marty schaut zwar manchmal etwas verdutzt, aber wirklichen Verdacht schöpft er nicht. Das wirklich Spannende, nämlich die Motivation von Ike, bleibt dabei leider oft im Dunkeln. 

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