Romy Schneiders Tochter ganz privat: „Meine Mutter hat nicht nur geweint“

Barbara Mader

von Barbara Mader

Die Schauspielerin Sarah Biasini erzählt beim Exklusiv-Interview in Paris, warum sie es nicht mag, den Namen Romy auszusprechen, warum es Orte gibt, die sie lieber nicht betritt und an welchen die Schönheit des Himmels liegt.

An einem Sonntag im Mai 2017 erfährt Sarah Biasini, dass das Grab ihrer Mutter verwüstet wurde. Ihrer Mutter Romy Schneider. Vandalen haben mit einem Brecheisen auf den Grabstein eingeschlagen. Auf das Grab, in dem am 2. Juni 1982 Romy Schneider beerdigt und in dem wenig später ihr kaum ein Jahr zuvor verunglückter Sohn David beigesetzt wurde. Den Sarg haben die Vandalen nicht erreicht, er ist durch eine zusätzliche Betonplatte geschützt. Die Hintergründe des verstörenden Ereignisses werden nie aufgeklärt, die Verantwortlichen nie ausfindig gemacht.

Sarah Biasini kommt zum Lokalaugenschein auf den kleinen Dorffriedhof von Boissy-sans-Avoir vor den Toren von Paris. Lange bleibt sie nicht an diesem „Ort, der in den Augen brennt“. Die Steinmetze haben den Grabstein wieder in Ordnung gebracht. Sie will nicht daran denken, dass hier ihre Mutter und ihr Bruder begraben sind. Sie will ihre eingravierten Namen nicht mehr lesen. „Der Tod interessiert mich nicht. Ich kenne ihn, er ist mir vertraut.“ Der Vorfall begleitet sie noch länger, beschäftigt sie, als würde sie ihre Mutter ein zweites Mal begraben. Beim ersten, richtigen Begräbnis ihrer Mutter war Sarah Biasini nicht dabei. Sie war vier Jahre alt, als Rosemarie Albach, genannt Romy Schneider, mit 43 Jahren starb.

Sarah Biasini, Romy Schneiders Tochter, beim Interview in Paris: Sie zeigt sich offen und verletzlich  

©Kurier/Kurier/Patrice Normand/Leextra

Das Wunschmädchen

Wenige Wochen nach dem Vandalenakt auf dem Friedhof wird Sarah Biasini schwanger. Das zufällige und doch merkwürdige Zusammentreffen beider Ereignisse wird für sie zum Ausgangspunkt eines Buches. Eines Buches für ihre Tochter Anna und zugleich über ihre Mutter Romy. In dem sie beschreibt, wie sie sich auf ihre Tochter freut, in dem sie mit der Ungeborenen spricht und doch immer an ihre Mutter denkt. „Und ich werde nicht lügen, vor allem werde ich dich nicht belügen, meine zweieinhalbjährige Tochter, der ich diese Geschichte erzähle.“ Jetzt, sagt ihr Mann, der Theaterregisseur Gil Lefeuvre, werde sie nicht mehr nur Tochter einer Mutter, sondern auch Mutter einer Tochter sein. Eine neue Identität, die die alte bereichert. „Die Schönheit des Himmels“ heißt das Buch. So hat ihr Vater Daniel Biasini sie immer genannt, so nennt sie nun ihre Tochter Anna, die sie sich so sehr gewünscht hat. „Ich wollte ein Mädchen. Vielleicht, weil ich wusste, wie es ist, ein Mädchen zu sein. So, wie sich manche Männer Söhne wünschen. Es scheint einem einfacher, weil es einem näher ist.“

Phrasendrescherin, das stellt sich beim Lesen des Buches heraus und bestätigt sich bei der persönlichen Begegnung, ist Sarah Biasini keine. Hinter ihr steckt keine gut geölte PR-Maschinerie. Mit direktem Blick schaut sie einen an, beinahe herausfordernd. Blitzschnell wechselt sie zwischen schallendem Lachen und plötzlicher Zurückhaltung. Ihre Offenheit wirkt entwaffnend, ihre verletzliche Authentizität beinahe einschüchternd. Mein Gott, es weiß doch die halbe Welt, unter welchen Umständen die Mutter und der Bruder dieses armen Mädchens umgekommen sind, wir waren doch so gut wie alle dabei, als der 14-jährige David damals, im Sommer 1981, beim Versuch, über den Zaun des Familienhauses zu klettern, verunglückte und wir erinnern uns zu gut daran, als seine Mutter nur wenige Monate später starb. Wir und alle bunten Magazine wussten es: Sie kann nur an gebrochenem Herzen gestorben sein.

So oder so ähnlich mag es einem durch den Kopf gehen, wenn man Sarah Biasini kennenlernt. Man erinnert sich an die Bilder, die ein als Krankenpfleger verkleideter Reporter von ihrem toten Bruder gemacht hat. An die Niedertracht der Sensationslüsternheit. Daran, dass noch heute kaum ein Journalist einen Satz über Romy Schneider ohne das Wort „tragisch“ schreiben kann. Man fühlt sich wie ertappt. Möchte keiner von denen sein. Wünschte, nun diskret sein zu können. Reden wir doch lieber über Paris, während wir über den Pont des Arts vom Louvre hinüber zur Académie française schlendern. Reden wir darüber, worüber jetzt alle reden. Über Tempo dreißig in der ganzen Stadt oder darüber, dass die berühmte Rue de Rivoli jetzt für Autos gesperrt ist. Wir könnten auch beklagen, dass es in Paris bald keine Mittelklasse mehr gibt, nur mehr Arme, Superreiche und Touristen. Doch mit Sarah Biasini über Persönliches zu sprechen, lässt sich nun kaum vermeiden. Sie hat jetzt eben ein persönliches, intimes Buch geschrieben. Ein Buch über die Mutter und für die Tochter, über Tod und Leben und darüber, wie die Toten unter den Lebenden leben. Mehr Innenschau geht nicht. „Niemand will meine Mutter vergessen, nur ich“, schreibt die 44-Jährige darin. Der Schmerz, den die Erinnerung an den Tod ihrer Mutter und ihres Bruders David auslöst, gehört ihr allein. Und doch wollen ihn tausende „Romy“-Fans mit ihr teilen. Sie mag es nicht, den Namen auszusprechen. „Es gibt nichts Schöneres, als sie ,meine Mutter’ zu nennen. Niemand außer mir darf sie so nennen.“ Die halbe Welt glaubt, mehr über Sarahs Mutter zu wissen als sie selbst. „Ich weiß tatsächlich nicht viel von ihr. Meine Mutter hat mich bekommen, da war sie 39. Sie hat ein ganzes Leben vor mir verbracht. Ich muss sie also zwangsläufig mit anderen teilen. Aber die anderen sprechen von der Schauspielerin Romy Schneider, ich spreche von meiner Mutter. Die Schauspielerin, die überlasse ich der Welt.“

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César und Rosalie

Sarah Biasini war sechs, vielleicht sieben, als sie die ersten Filme ihrer Mutter sah. „ Ich habe nicht vor dem Fernsehapparat geheult. Es hat mir gefallen, mehr nicht. Wahrscheinlich hat sich da etwas in mir quergelegt, eine Art innere Abwehr. Vielleicht habe ich aber auch einfach schnell verstanden, dass das auf dem Bildschirm nicht meine Mutter, sondern eine Schauspielerin ist.“ Und heute? „Die Claude Sautet-Filme meiner Mutter liebe ich sehr ,César und Rosalie’ ganz besonders. Es ist der Film, den ich am öftesten gesehen habe, an dem ich alles kenne und liebe: Die Dialoge, die Musik, die Nebenfiguren, einfach alles. Ich empfinde eine große Zärtlichkeit für diesen Film.“

Auf der Straße wird Sarah Biasini immer wieder erkannt. Manche Menschen senken diskret den Blick, andere sprechen sie an, nehmen sie am Arm, beginnen gar zu weinen. „Ich habe Romy so geliebt.“ Manchmal sagt Sarah Biasini dann, sie sei gar nicht Romy Schneiders Tochter. Für die Emotion der anderen ist sie nicht die richtige Ansprechpartnerin. Sarah Biasini ist Schauspielerin wie ihre Mutter. Sie hat eine ähnliche Stimme, nur die sanfte österreichische Sprachfärbung fehlt. Auch die Augen, in denen der Schalk blitzt, erinnern an ihre Mutter. Klein und zart ist sie, kaum geschminkt, das dunkelblonde Haar scheinbar achtlos zusammengebunden. Dazu trägt sie Jeans, weiten Blazer, flache Schuhe. Die Uniform der Pariserinnen im Spätsommer 2021. In Frankreich war ihr Buch ein großer Erfolg, es ist bereits in der dritten Auflage erschienen. Viele Wochen fuhr ihr gigantisches Porträt auf Pariser Autobussen quer durch die Stadt. Wenn das Buch demnächst auf Deutsch erscheint, wird sie nach Wien kommen. „Wien ist etwas Besonderes für mich, hier liegen die Wurzeln meiner Mutter, sie ist ja hier geboren. Und im Burgtheater hängt das Porträt meiner Urgroßmutter Rosa Albach-Retty.“ Deutsch? Nein, spricht sie nicht. „Als ich jung war, war die Weigerung, Deutsch zu lernen, natürlich Teil meiner Teenager-Revolution. Heute bereue ich das. Und natürlich, je mehr ich mich der Sprache näherte, desto mehr musste ich an meine Mutter denken. Es ist nicht so, dass ich das nicht wollte, aber es war doch mit Schmerz verbunden. Und mit wem sollte ich denn Deutsch sprechen? Weder meine Mutter noch mein Bruder sind da. Ja, es ist schon so etwas wie eine Abwehr in mir. Aber es hat wohl jeder seine innere Methode, um sich vor Gram zu schützen. Man will nicht immer an die schmerzhaften Dinge im Leben denken. Es macht eben traurig. Man hätte es lieber, wenn die Menschen noch da wären.“

Die Legende von der tragischen Romy Schneider wird immer wieder erzählt, aber deshalb nicht richtiger.

Sarah Biasini

Ein kompliziertes Verhältnis

Eine schlechte Beziehung zum deutschen Sprachraum per se hat Biasini nicht, sagt sie. „Das Verhältnis zwischen meiner Mutter und den Deutschen war kompliziert.“ Sie haben Romy Schneider nie ganz vergeben, dass sie nach Frankreich gegangen ist. „Das ist ziemlich dumm. Und ich weiß auch, wie die deutsche Presse über meine Mutter geschrieben hat und das nach wie vor tut. Die deutschen Journalisten haben einen völlig anderen Blick auf meine Mutter als die französischen.“ Dieser andere Blick hat sich nicht zuletzt in der Begeisterung über den Film „Drei Tage in Quiberon“ manifestiert. Der Film, der Romy Schneider als alkohol- und medikamentensüchtige Frau zeigt, wurde bei uns vielfach ausgezeichnet. In Österreich und Deutschland kultiviert man das Bild der kaputten Frau mit dem kaputten Leben. „Die Legende von der tragischen Romy Schneider wird immer wieder erzählt, aber deshalb nicht richtiger. Wenn man die großen Etappen des Lebens meiner Mutter sieht: Natürlich hat sie schwierige Trennungen erlebt, ihr Sohn ist gestorben, sie hat eine Niere verloren. Das war alles furchtbar. Die Menschen haben große Anteilnahme gezeigt, als mein Bruder starb. Alle Mütter und Väter haben sich davon angesprochen gefühlt. Das ist normal. Dein Kind zu verlieren, ist das Schlimmste, was dir passieren kann. Aber meine Mutter war mehr als das. Meine Mutter hat nicht nur geweint.“ Und der Film? „Ich hätte ihn nie sehen sollen. Meine Mutter hätte diesen Film gehasst! Er ist so armselig, es könnte einem schlecht werden.“

Vor dem Bild der traurigen Mutter hat Sarah vor allem ihre quirlige Großmutter Monique, die Mutter ihres Vaters, bewahrt. Bei ihr ist sie aufgewachsen, ihr und ihrer Liebe und Fürsorge widmet sie viel Raum im Buch. Fröhliche, auch durchaus komische Momente werden da gezeichnet, etwa, wenn der Ernährungsplan der heute über Neunzigjährigen beschrieben wird: Wurst, Haselnussschokolade, Marlboro. „Wen interessieren schon meine Zigaretten“, hat Monique gekeppelt, als sie sich so im Buch beschrieben fand. Aber gelacht hat sie trotzdem und seither, sagt Sarah Biasini, werde sie oft gefragt, wie es Monique gehe. Danke, bestens, alles wie immer, nur die Zigaretten sind mittlerweile „light“.

Für Romy Schneider war Monique stets eine Verbündete, eine Vertraute. Nach Romy Schneiders Tod wurde Monique für Sarah der vielleicht wichtigste Bezugsmensch. „Ich wollte erzählen, wie die Lebenden mit den Toten leben. Wie die Toten noch unter uns sind. Wie man über sie spricht und wie eine Familie mit ihren Toten umgeht. Ich habe meine Großmutter immer extrem wertschätzend und liebend gegenüber der Frau ihres Sohnes erlebt. Sie hat mir mit so viel Freude und Liebe von meinem Vater und meiner Mutter als Paar berichtet. Ich hätte an ihrer Stelle geheult, doch sie tat das nicht. Sie sprach oft und mit großer Zärtlichkeit von meiner Mutter.“

Sarah Biasini (r. und o.), Redakteurin Mader auf dem Pont des Arts 

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Wo die Erde bebt

Erinnerungen an glückliche Tage und das Paar, das Romy Schneider und ihr ehemaliger Privatsekretär Daniel Biasini einst waren, gibt es heute noch. Fotos von gebräunten, lachenden Gesichtern, Romy, Daniel und David im südfranzösischen Ramatuelle, wo Sarah Biasini geboren wurde. „Ich bin selten dort. Es ist emotional schwierig für mich. Denn ich weiß, dass meine Eltern und mein Bruder dort sehr glücklich waren. Sie haben ein Haus gekauft, zwei Jahre dort gelebt, haben mich bekommen. Ich habe zigtausende Privatfotos aus dieser Zeit. Auf allen sehen sie so schön, so zufrieden aus“, erzählt Sarah Biasini im Gespräch. Im Buch schreibt sie: „Die Erde bebt dort für mich.“

Die andere Großmutter, Magda Schneider, Romy Schneiders Mutter, hat Sarah als Kind hin und wieder gesehen. Aber natürlich war da mehr Distanz. „Wir hatten kein sehr enges Verhältnis. Das hat mir auch nicht gefehlt, ich hatte ja Monique. Und wenn ich die Mutter meiner Mutter angeschaut habe, dann war es mir manchmal, als würde ich meine Mutter suchen. Ihr ist es wahrscheinlich ähnlich gegangen, sie hat wohl ihre Tochter in mir gesucht. Es ist ein beklemmendes Gefühl, das Herz klopft, man hält den Atem an. Mir geht es heute noch so, wenn ich den Bruder meiner Mutter sehe. Ich suche sie in ihm. Ihm fällt es wohl auch schwer, mich zu sehen.“

Aufgewachsen ist Sarah Biasini in Paris, im 16e Arrondissement, in jenem Haus, vor dem ihr Bruder David tödlich verunglückte. Niemand hat jemals daran gedacht, dort auszuziehen. Das Haus ist voll mit Familienfotos. Sarah war von klein auf mit den Bildern der Toten konfrontiert. „Niemand um mich herum weinte. Nicht mein Vater und nicht meine Großeltern. Ich sah die Bilder meines Bruders und meiner Mutter jeden Tag. Ich habe mich später gefragt, wie es meinem Vater und meinen Großeltern damit ging, aber ich habe es nie angesprochen. Das ist ja etwas sehr Intimes. In seinem Schmerz und seiner Trauer ist jeder Mensch allein. Derzeit frage ich mich, wie ich meiner Tochter davon erzählen werde. Wie ich diese Geschichte am wenigsten schmerzhaft für sie erzählen kann. Momentan weiß ich es nicht. Das Wort ,tot’ ist schwierig. Aber sie ist ja auch erst dreieinhalb.“ Ob Anna ihrer Großmutter ähnelt? Ja, sie ähnelt Romy Schneider sehr.

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