Traute Streaming-Bulimie

Polly Adler

von Polly Adler

Wie beruhigend! Der Fortpflanzung hat den Pflege-Tüv

Mein schönstes Weihnachtsgeschenk war die Erkenntnis, dass das Kind den Pflege-TÜV hat. Als ich mich im Status einer labbrigen Gemüsesorte befand, hirschte es mit Teekannen, Sorgenfalten und überteuerten Bakterienkulturen in Gelform auf und ab und verströmte Mitgefühl de luxe.

Natürlich nützte ich diese Bereitschaft zur Fürsorge auf das Schamloseste aus und drückte auf die Leidenstube, um aus dieser goldenen Gelegenheit den maximalen Gewinn herauszuschinden. Ich hetzte den armen Fortpflanz durch Bank- und Postwesen und auf Umtauschmarathons „Familienstand erledigt“, japste das Kind, als es irgendwann die Treppe hoch keuchte, unser Lift hat nämlich verlässlich dann ein Burnout, wenn man mit zig Sackerln ankommt. Meine Hoffnungen, irgendwann meinen Rollator in der Casa Fortpflanz dauerhaft parken zu können, wuchs. Ich musste nur lernen, konsequent ganz arm (circa wie ein Reh mit Streifschuss auf der Autobahn oder Lady Di in der Prä-Scheidungsphase) schauen zu müssen.

Viel früher hieß meine Parole, wenn das Kind exorbitante Forderungen gestellt hatte: „OK, aber nur wenn ich einen Wickeltisch im Westflügel kriegen werde.“ Doch angesichts der Wirtschaftslage ist eines sicher: Unsere Mäuse werden den Lebensstandard ihrer Oldies bestenfalls halten können, aber nicht übersteigen. Den Westflügel kann ich mir also abschminken. Wir genossen später das blanke Nichts, die soziale Reduktionskost und trautes „Bingen“, auch Streaming-Bulimie genannt, wobei wir im Einklang waren, dass die „Morning Show“, jene Apple-Serie über Intrigen und Ego-skapaden bei einer US-TV-Show mit Jennifer Aniston (trotz ihres überschaubaren Ausdrucksrepertoires) das Optimum an kluger Script-Kunst verkörperte. „Manchmal musst du einfach von der Spur kommen“, sagt diese Starmoderatorin Alex (in Form von Aniston), „damit dich die Leute ernst nehmen“. Und schon hat man einen Leit- wie Leidspruch für 2022.
 

 

 

 

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