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Die Reportage Eiszeit 

Foto: gilbert novy

Eislaufverein

Die Reportage Eiszeit 

Immer im Kreis, gegen den Uhrzeigersinn. Und das, obwohl beim Wiener Eislaufverein am Heumarkt die Zeit stehen- geblieben zu sein scheint. Wo wilde Kerle, zarte Nachwuchshoffnungen und ewig Junggebliebene sich gleichermaßen zuhause fühlen.

Es sieht so mühelos und leicht aus, wenn Inge Eschig über das Eis gleitet. Ihre Wangen sind rosig von der kalten Luft,  sie wiegt und dreht sich zum Rhythmus des Walzers, der über den Platz tönt. „Man muss total in  der Achse sein. Der Ursprung des Lebens ist schwingen. Dabei empfinde ich eine so tiefe Lebensfreude“, sagt sie und breitet die Arme aus. Wenn man ihr zusieht, glaubt man es ihr. Inge Eschig, die sich als „Tanzphilosophin“ den Namen Indi Mo gegeben hat, kommt fünf Mal pro Woche hierher, in den Wiener Eislaufverein. Sie gehört zur eingeschworenen Gemeinschaft der Eistänzer, die einander zu fixen Zeiten treffen und für die in der Mitte des Platzes mit Holzstehern und Seilen ein  Rondeau freigehalten wird. Statt ins Kaffeehaus eben auf den Eislaufplatz. Dort gleiten die  Paare, scheinbar ohne sich anzustrengen, über das Eis. Während „ihrer“ Stunden wird auch besondere Musik für sie gespielt. Nicht Disco, nicht Schlager, sondern Walzer, Marsch, langsamer Walzer und Tango. Meist in dieser Abfolge.

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Inge Eschig, die fünffache Großmutter, ist im 70. Lebensjahr und liegt damit bei den Eistänzern vermutlich im Altersdurchschnitt. „Ich freue mich, dass ich so beweglich bin.“

 


 


 

 

Inge Eschig, die fünffache Großmutter, ist im 70. Lebensjahr und liegt damit bei den Eistänzern vermutlich im Altersdurchschnitt. „Ich freue mich, dass ich so beweglich bin.“

 


 


Foto: gilbert novy

Das Ungetüm zieht kleine und große Kinder magisch an


Foto: gilbert novy

Die Faszination der Eismaschine: Der Ordner sorgt für Sicherheit


Nach einer Stunde ist Generationswechsel. Die Absperrung wird weggeräumt,  die  gesamte  Eisfläche ist offen für alle, aus den Lautsprechern dröhnt Discomusik statt Walzer. Doch zuvor  das Ritual, das seit Jahrzehnten für  das jugendliche Publikum des Platzes zu den Höhepunkten zählt: Die Eismaschine dreht ihre Runden. Das klobige Gefährt bewegt sich langsam in konzentrischen Kreisen von außen nach innen über das Eis. Alle Rillen, die die Schlittschuhläufer verursacht haben, werden geglättet, die Schneehäufchen verschwinden, zurück bleibt ein feucht glänzender Streifen blitzblankes Eis. Und eine begeisterte Meute, die hinter der Eismaschine herfährt, um „Erster“ auf dem frischen Eis zu sein. Stets unter den wachsamen Augen des Ordners im leuchtend-roten Overall, der die johlende Menge mit seinem Trillerpfeiferl – einem echten englischen Schiedsrichterpfeiferl –  in Schach und sicherem Abstand von der Maschine hält.
„Ja , das war schon immer so, dass die Maschine die Kinder magisch angezogen hat“, lächelt Farzam Rossoukhi. Der Generalsekretär   des Eislaufvereins ist seit gut 30 Jahren am Platz und kennt  fast alle Besucher persönlich. „Dabei ist das Eis erst zehn  Minuten, nachdem die Maschine gefahren ist, am besten.“
 

Der Mann, der die Maschine steuert und verantwortlich für die Qualität des Eises ist, heißt Zoltan Puss. Der gebürtige Slowake ist, wie die meisten, die hier arbeiten, kein Frischgfangter mehr. Nicht mehr als fünf bis sechs Zentimeter dick und schön trocken soll das Eis  sein. „Zu warm und zu windig, das mag ich am wenigsten“, sagt der ausgebildete Mechaniker. Denn da wird es schwierig, gutes Eis zu machen. Der Wind bläst den Kältepolster, der sich über der Eisoberfläche bildet, weg. Dafür, dass auch bei zweistelligen Plusgraden nicht alles wegschmilzt, sorgen 240 Kilometer Rohre, gefüllt mit Ammoniak, die sich unter dem Boden schlängeln. In Zoltan Puss’ Maschinenraum rattern die Kompressoren und machen einen ohrenbetäubenden Lärm. Die verdichten den Ammoniak, ehe er hinausgepumpt wird, verdampft und so der Umgebung Wärme entzieht. Ein geschlossener Kreislauf. Auch im Sommer. Dann werden vom Eislaufverein aus die Klimaanlagen des Konzerthauses auf der einen und des Hotels Intercont auf der anderen Seite gespeist.

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1 Herr des Eises und der Maschinen: Zoltan Puss - Foto: gilbert novy 2 Ohrenbetäubend: Der Ammoniak wird komprimiert - Foto: gilbert novy 3 Aus dem Jahr 1929, aber immer noch funktionstüchtig: die alte Eismaschine - Foto: gilbert novy

Foto: gilbert novy

Im Eislaufverein zuhause: Farzam Rossoukhi ist Generalsekretür des WEV


Das Einvernehmen mit den Nachbarn ist also gut. „Noch nie hat sich jemand über die Musik oder über Lärm beschwert“, sagt Rossoukhi. Der Eislaufverein ist sein Leben, seit den  1980er-Jahren. Damals lernte er seine Frau, die Eiskunstläuferin Evelyn Schneider kennen und lieben, die auf dem Platz auch das Sportgeschäft betrieb und später das junge Talent Claudia Kristofics-Binder trainierte.
Die ehrgeizigen Eiskunstlaufmuttis mit ihren Töchtern, die früher hier Tag für Tag und Stunde um Stunde bei jedem Wetter an der Konzerthausfront des Platzes trainierten, von weniger geschickten Eisprinzessinnen bewundert und gleichzeitig  bedauert, sucht man heute  vergebens. „Die gehen mittlerweile in die Halle“, weiß Rossoukhi. „Seit die ISU, die International Skating Union vorschreibt, dass auch die Bewerbe nur noch in der Halle stattfinden dürfen.“ Also keine Nachwuchs-Trixi Schubas und Emmerich Danzers mehr beim Eislaufverein.
 

Es gibt zwar eine kleine, gut versteckte Halle, gleich neben dem Buffet, die kaum einer kennt, doch  die dient meist den Eishockeyspielern als Quartier. Hinter einer dicken, zerkratzten Plexiglaswand dreschen sie den Puck übers Eis, dass einem Hören und Sehen vergeht. Und der Platz beim Konzerthaus, wo einst Mädchen  mit kurzen Röckchen und Haarbändern Pirouetten drehten und erste, zaghafte Sprünge wagten,  heißt  jetzt „Arena“ und ist Treffpunkt der wilden Kerle des Eislaufvereins, der Hockeyspieler. Ex-Sportler wie Tennis-Ass Alex Antonitsch oder das ewige Slalomtalent Rainer Schönfelder toben sich allwöchentlich Freitagmittag hier aus, gemeinsam mit dem einen oder anderen Büromenschen, der hier seine Arbeitswoche ausklingen lässt. „Ein Traum, der Platz“, sagt Antonitsch. Es sei zwar nur „eine Juxpartie“, dennoch sind die Herren gut ausgerüstet. Ausgepolstert, mit Beinschutz, Helm, manche mit Zahnschutz und der Goalie mit Gitter, das sein Gesicht schützt. Dass es hier zur Sache geht, lässt sich an Antonitsch’ Leiberl ablesen. Die Blutspuren zeugen von heftigen Begegnungen mit Puck oder Schläger. Immerhin gibt es nach erfolgreichem Match ein Bier als Belohnung.
Ein beliebter Treffpunkt ist der Platz des 1867 gegründeten Eislaufvereins jedenfalls. Und nicht nur für den Adel wie in den Gründungsjahren, als das Wasser für den Eislaufplatz aus dem Wiener Neustädter Kanal gepumpt wurde, die Garderobe in Zelten untergebracht und man sich im „Gartensalettl“ oder im „Hofsalon ausrasten und die kalten Hände an offenen Feuerstellen aufwärmen konnte.
Schon in den Anfängen war der Platz verkehrstechnisch günstig gelegen: Er erstreckte sich, lang ehe das Hotel Intercont in den 1960ern gebaut wurde, bis nach vorne zur Stadtbahnstation. Viele Jahre war der WEV-Platz mit 10.000 Quadratmetern die größte Kunsteisbahn der Welt.
 

  • Foto: gilbert novy Die Wilden Kerle vom Heumarkt: Eishockeycracks

  • Foto: gilbert novy Alex Antonitsch: Freitagmittag powert er sich aus

  • Foto: gilbert novy In der Halle: Auch hier flutscht der Puck

  • Foto: gilbert novy Geschützt: Hinter dickem Plexiglas

  • Foto: gilbert novy Ganz schön anstrengend, wenn das Match läuft

  • Foto: gilbert novy Gepolstert, damit nix passiert

Ein Mikrokosmos ist dieser Platz immer noch. Und einer, an dem manches sich nicht zu verändern scheint. Da sind die jungen Männer, die alle Blicke auf sich ziehen. Nicolas, 20 und Kevin, 17, sind seit zwölf Jahren Freunde und haben einen Plan: Sie bleiben von Mittag bis zur Sperrstunde um 21 Uhr und zeigen ihre Kunststücke – Drehungen, um die eigene Achse mit der Hand auf dem Eis und Abschwingen, dass eine meterhohe Schneefontäne aufsteigt. Am liebsten tun sie das, wenn möglichst viele  Mädchen auf den Bankerln neben der Eisfläche sitzen und kichernd zuschauen. Zum Beispiel Maria, Salma, Marva, Esra, Alexandra und Hera aus dem Brigittenauer Gymnasium, die hier ihre Nachmittagsturnstunde absolvieren. 15, 16 Jahre sind sie alt, manche tragen Kopftuch. „Eislaufen macht Spaß und man fühlt sich frei“, sagen sie. Mit ihnen haben die Ordner nicht viel Arbeit.
 

Foto: gilbert novy

Ziemlich beste Freunde: Nicolas und Kevin

Foto: gilbert novy

Mit Bravour: am liebsten vor Publikum

Foto: gilbert novy

Immer um die eigene Achse

Brav drehen sie ihre Runden gegen den Uhrzeigersinn. Immer in dieselbe Richtung. Die Platzordnung will es so: „Mit der linken Schulter zur Platzmitte“, heißt es darin. Hält sich jemand nicht daran, kommt das Trillerpfeiferl zum Einsatz. Auch Erste Hilfe muss heute keiner der Ordner leisten. Keine Platzwunden oder blutigen Finger. An manchen Tagen ist das anders. „An einem der letzten Feiertage mussten wir vier Mal die Rettung rufen“, sagt Farzam Rossoukhi. Darauf, dass nichts passiert, achten in der „Übungsbox“ Lehrerin Gabi Radakovits und eine Mutter, die mit den Kindern aus der Volksschule Eslarngasse hier sind. Ein sicheres Eck, in dem die Kleinen vor den „wilden“ Großen geschützt sind und von denen hier viele ihre ersten Schritte auf dem Eis machen. Doch  sie lernen rasch. Tim fällt zwar noch einige Male hin, „aber ich kann schon alleine aufstehen. Oder Lea, die kaum noch stürzt. „Jetzt lerne ich, schmal zu fahren.“ Auf die  Schönheit kommt es an.


Brav drehen sie ihre Runden gegen den Uhrzeigersinn. Immer in dieselbe Richtung. Die Platzordnung will es so: „Mit der linken Schulter zur Platzmitte“, heißt es darin. Hält sich jemand nicht daran, kommt das Trillerpfeiferl zum Einsatz. Auch Erste Hilfe muss heute keiner der Ordner leisten. Keine Platzwunden oder blutigen Finger. An manchen Tagen ist das anders. „An einem der letzten Feiertage mussten wir vier Mal die Rettung rufen“, sagt Farzam Rossoukhi. Darauf, dass nichts passiert, achten in der „Übungsbox“ Lehrerin Gabi Radakovits und eine Mutter, die mit den Kindern aus der Volksschule Eslarngasse hier sind. Ein sicheres Eck, in dem die Kleinen vor den „wilden“ Großen geschützt sind und von denen hier viele ihre ersten Schritte auf dem Eis machen. Doch  sie lernen rasch. Tim fällt zwar noch einige Male hin, „aber ich kann schon alleine aufstehen. Oder Lea, die kaum noch stürzt. „Jetzt lerne ich, schmal zu fahren.“ Auf die  Schönheit kommt es an.


Der Nachwuchs ist jedenfalls schon da. Das gibt auch Hoffnung, dass immer wieder Eistänzer nachkommen, die den Jungen zeigen können, wie einfach Eislaufen ist. Immerhin  steht jetzt fest, dass trotz vieler Umbaupläne für das Areal an der Lothringerstraße auf dem Eis alles beim Alten bleibt. Der Verein hat jedenfalls eine Bestandsgarantie bis 2058.
Nur eines ist schon anders geworden: Seit statt der schönen, alten Email-Lampen moderne Straßenleuchten den Platz erhellen, klatscht keiner  mehr, wenn am Nachmittag das Licht aufgedreht wird. Schade.

Foto: Wiener Eislaufverein

Mit Pelzmütze und Mantel: Der Adel lief eis

Foto: Wiener Eislaufverein

Paarlauf oder solo: Hauptsache elegant

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Mit Pluderhosen und kurzem Rock: Beinahe frivol

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10.000 Quadratmteter: Größer war damals kein Eislaufplatz

Otto Schenk: Der Schauspieler ist leidenschaftlicher Eisläufer und Ehrenpräsident des WEV. Im Gespräch mit Elisabeth Rehse-Holzer vom WEV erklärt er gemeinsam mit  Toni Müller (Präsident des WEV), warum. Anlass ist das 100-jährige Bestehen der Kunsteisbahn im  Jahr 2012.

 

 

Foto: Sommertraum Festival Semmering


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