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Mathilde, der Papst und das Meer

Foto: foto-reiter.com | A. Reiter

Mathilde, der Papst und das Meer

Hinschauen, recherchieren, informieren. Viel öfter über das Elend als über den Glanz der Welt. Bis Papst Franziskus "Buonasera" sagte. Live-Reportagen, ein Buch und ein guter Grund mehr für ORF-Frau Mathilde Schwabeneder, Rom zu lieben.

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"Man muss sich den Dingen aussetzen", sagt Mathilde Schwabender. Im Frühling 1997, mitten im Bürgerkrieg, ist sie in den Sudan geflogen, in die Nubaberge. Als ORF-Journalistin, ja, doch ihre spontane Zusage war unter Herzensangelegenheiten abzuheften. Dem Flash in die Kindheit: "Meine Mutter wollte Kinderärztin werden und nach Afrika gehen. Sie war verliebt in die Schönheit der Nuba." Die Bedeutung der Reise: Eine humanitäre Aktion des Comboni Missionars Renato Sesana zur Hunger- und Dürrekatastrophe. Mit Saatgut und Medikamenten für Menschen, die als Vertriebene aus fruchtbarem Land, seit 15 Jahren versuchten, Terrassen auf den Bergen zu bebauen. "Eine inoffizielle Aktion über Kenia, im Sudan war ja Krieg, niemand wusste, dass wir dort waren", erzählt die Weltläufige aus der Kleinstadt Wels, an der römischen Universität La Sapienza promovierte Dottoressa der Geisteswissenschaften, bei Wiener Kuchen und Kaffee. Gelassen. Jetzt.

 

"Wir sind zu acht in einer alten DC3 ohne Sitze auf einer Schotterpiste gelandet. Wussten nur, der Pilot holt uns in 14 Tagen wieder ab. Hatten die Bilder von Leni Riefenstahl im Kopf, die in den Nubabergen fotografiert hat; das Glück, bloß von Weitem schießen zu hören; 40 Grad im Schatten und zwei Wochen Fußmärsche. Mit Blick auf eine grandiose Landschaft, doch zu essen gab es nix, nach drei Jahren ohne Regen. Die Nuba rührten uns – fast zum Heulen: "Was sie hatten, haben sie mit uns geteilt. Frische Jungzwiebel, Maniokwurzeln, ab und zu ein Huhn. Kein Salz. Das hätten sie sich am meisten gewünscht. Doch die Medikamente! Für Verletzte, für Leprakranke. Uns haben sie bestaunt wie Außerirdische, Hände und Haare angegriffen, die Kinder liefen uns in Scharen nach. Viele hatten noch nie eine weiße Frau gesehen." Mathilde Schwabeneder, Leiterin des ORF-Korrespondentenbüros in Rom, und so bernsteinäugig, so dunkelhaarig, so italienisch im Flair ihres Outfits, dass sie leicht als Römerin durchginge, lächelt. Denkt an Papa Franziskus in Lampedusa. Sie war dabei, als er die Abkehr von einer "Globalisierung der Gleichgültigkeit" gefordert hat. Lächelt wie im Einklang zu dieser Reise in den Sudan. Ihr physisch zehrendster Ausritt, die ärgste Nervenprobe der Abflug: "Um zwölf sollte die DC3 kommen, und wir saßen ab vier Uhr früh im Geröll, doch sie kam nicht und kam nicht. Um halb zwei springen plötzlich Hunderte Menschen auf, hinter jedem Busch versteckt, und rennen zur Piste: Sie haben den Motor gehört, lange, bevor der Flieger zu sehen war. Zwei Minenopfer haben wir mitgenommen." Ja, es war extrem, aber es war gut, um die Welt noch einmal neu zu denken. Auch, um eigene Ängste aufzulösen. Man muss sich ihnen aussetzen.

 

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"Franziskus: Vom Einwandererkind zum Papst" Von Esther-Marie Merz und Mathilde Schwabenender und einem Vorwort von Bischof Erwin Kräutler.

Styria Premium Verlag


"Franziskus: Vom Einwandererkind zum Papst" Von Esther-Marie Merz und Mathilde Schwabenender und einem Vorwort von Bischof Erwin Kräutler.

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Lange war Mathilde behütet. Ein Kind, das mit vier zu lesen und schreiben begann, als Siebenjährige schwer geschockt von der Ermordung John F. Kennedys jede Zeitung nach Details durchforstete, sehr bald wusste, warum der tiefkatholische Großvater Schwierigkeiten in der NS-Zeit hatte, was das Wort Holocaust bedeutet – und, dass jene Welser, die "Guten Tag" sagten, "die alten Nazis waren. Wir haben ,Grüß Gott" gesagt. Meine Mutter hat die Grundsätze gelebt: ,Liebe deinen Nächsten" und "Bleib bescheiden!" Ein wenig im Sinne von Franziskus: "Er wollte nicht, dass Geld in Lampedusa für ihn ausgegeben wird. Nur einen einfachen Altar auf einer einfachen Bühne, aus Resten gestrandeter Schiffe."

 

Für gut und für klug hält das MS. Hat vergangenen November mit Esther-Marie Merz, der ORF-Südamerika-Korrespondentin, das Buch "Franziskus – Vom Einwandererkind zum Papst" veröffentlicht. Mit einem Vorwort von Erwin Kräutler, Bischof im brasilianischen Xingu. Sie war dort, sie bewundert ihn. Offen gegenüber anderen Kulturen. So wurde sie erzogen. Bei aller g’standenen Bürgerlichkeit. In einer Familie, die wollte, dass die Kinder studieren und sich umtun in der Welt. Der Großvater Bäcker mit mehreren Betrieben, der Vater Baumeister und Zimmermann. Der Bruder ist Zahnarzt geworden, Mathilde, zur leichten Enttäuschung der Eltern, mit 20 beinahe Hausfrau. So frankreichverrückt sie als Teenager war, in schwärzester Existenzialistenkluft völlig vernarrt in Sartre, Beauvoir, Juliette Gréco: "Ach, sie gab ein Konzert in Linz!" Doch mit 19 war sie schwanger, hat geheiratet, bekam einen Sohn, ließ sich zur Diplomlogopädin ausbilden, praktizierte drei Jahre lang an Pflichtschulen – und ließ sich mit 24 scheiden. Zwei Jahre später folgte Schwabeneder ihrer Liebe zum Süden, übersiedelte mit Sohn Lucas nach Rom, um endlich zu studieren. Die Eltern waren sehr dafür.

 

Flügel sind ihr dort gewachsen. Das Meer! Die südliche Leichtigkeit des Seins, das Essen, die Mode. Das Kind besuchte die deutsche Schule, sie unterrichtete neben dem Studium Erasmus-Stipendiaten in Italienisch, um selber ihr Spanisch zu perfektionieren, fasziniert von der lateinamerikanischen Literatur. Bis Radio Vatikan eine Karenzvertretung suchte, halbtags, nix mit Religion, für vier, fünfsprachige Weltnachrichten. Bis sie den Posten mit Sozialversicherung auch ohne journalistische Praxis bekam. "Selbstständiges Denken" war dem Chef, damals Eberhard von Gemmingen, wichtig. In letzter Minute fühlte sie sich dann am Personalbogen scheitern. Las unter Familienstand: ledig/verheiratet. Geschieden war für den Vatikan keine Kategorie. Sehr aufgeregt rief sie von Gemmingen noch einmal an. Gepeinigt, er könnte glauben, sie hätte ihm ihre Scheidung absichtlich verschwiegen. "Gar nix ankreuzen", entschied er salomonisch.

Foto: RGE-PRESS/ECKHARTER /Eckharter

Im Vorjahr nahmen Mathilde Schwabeneder und Raimund Löw die ROMY stellvertretend für die 26 Auslandskorrespondenten des ORF entgegen.


Foto: Gruber Franz


Foto: foto-reiter.com | A. Reiter

Das pure Glück. In einer politisch hoch spannenden Zeit: Dem Fall der Berliner Mauer, dem Ende der Zweiten Republik in Italien, dem absoluten Umbruch im Land: Bettino Craxi wird schimpflich gestürzt, Berlusconi tritt auf. Italiens peinlichster Regierungschef? Tja. 1992 wird Giovanni Falcone, der berühmteste Richter Italiens, bei einem Sprengstoffanschlag in Sizilien von der Mafia in die Luft gejagt. Mathilde hat geweint, wie viele Italiener. 57 Tage später starb Falcones Mitstreiter und Freund, Richter Paolo Borsellino bei einem Attentat in Palermo. Schwabeneder hat darüber berichtet. Damals für Radio Vatikan. 2012 als eine von 20 ORF Auslandskorrespondenten in dem Reportagen-Buch "Mit eigenen Augen". Eine schöne Idee von Roland Adrowitzer, dem Chef aller Korrespondentenbüros, eine spannende Geschichte Schwabeneders.

 

1995 war sie nach Österreich zurückgekehrt. Aus Liebe. Wissenschaftsjournalist Bernhard Hain, zwar längst heimisch in Wien, doch aus St. Florian gebürtig – 150 Kilometer Luftlinie zu Wels – hatte eine Weile bei Radio Vatikan recherchiert. Sie bewarb sich beim ORF: "Ich plane Dinge, aber ihre Schnittmenge hängt von den Umständen ab", weiß sie und lacht. Außenpolitik oder Kultur hätte sie sich gewünscht, doch sie landete – wieder als Karenzvertretung – bei der Religion. Allerdings, um sich mit entwicklungspolitischen und humanitären Fragen zu befassen: "Hubert Gaisbauer war ein wunderbarer Chef!" In Mozambique und Angola hat sie ihr liebendes Wissen über Afrika vertieft, Reise-Papst Johannes Paul II. mehrmals nach Südamerika und auch nach Kuba begleitet.

 

2007 ging sie als Chef-Korrespondentin nach Rom zurück. Vor zwei Jahren hat sie Bernhard Hain geheiratet. "Nach vielen Häutungen. Um nicht das Leben der anderen zu leben, so zu sein, wie ich bin." Wie? "Bis 30 hab ich keinen Tropfen Alkohol getrunken, danach in normalem Maß. Irgendwann zu rauchen begonnen. Als ein Packl pro Tag erreicht war, wieder aufgehört. An einen Mann wollte ich mich nie hängen, alles alleine schaffen, aus eigener Kraft." Soweit gelungen: Sohn Lucas, 37, hat in Österreich ein Tonstudio aufgebaut. Doch klar, die klassische Ehe führe sie nicht: ER versucht, seiner Arbeit Tage in Rom abzuringen, SIE in Wien. Manchmal gelingt das drei Wochen nicht. Dann aber: Sehr viel reisen, sehr viele Autofahrten, sehr viel reden, lachen, philosophieren, diskutieren. Die Themen liegen am Weg. Ohne Ende: Literatur, Natur, Architektur, Design, alte und zeitgenössische Kunst, nicht zuletzt die Weltpolitik. Mit allen Abgründen und Hoffnungsankern. Die Reisen enden fast immer am Meer.

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